Willkommenskultur und Integration in Nürnberg: „Wir Mütter sind gefragt“

Viele nach Nürnberg zugewanderte Familien wünschen sich die Hilfe einer Stadtteilmutter. Weil die Warteliste immer länger wird, sucht die Stadtmission jetzt Nürnberger Mütter mit und ohne Migrationshintergrund als ehrenamtliche Familien- und Integrationshelferinnen.

Zainab Al Dbeene (l.) trifft sich regelmäßig mit anderen Stadtteilmüttern, um sich Rat und Feedback zu holen.

Zainab Al Dbeene (49) flüchtete vor 16 Jahren mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland.

NÜRNBERG. Anmeldeverfahren in KITAS, Anträge bei Jugendämtern, Beratungs- oder Wohngeldstellen, Bewerbungsverfahren um Jobs und Wohnung – Familienalltag in Deutschland ist bürokratisch. Wie schaffen es Eltern und Kinder in diesem System heimisch zu werden, noch dazu, wenn die Sprache fremd ist?

In Nürnberg gibt es dafür die Stadtteilmütter der Stadtmission. Sie sind Vertrauensfrauen für Eltern und Kinder, die sich hier noch fremd, oft überfordert und nicht selten isoliert fühlen. Die ehrenamtlichen Stadtteilmütter unterbrechen diese Hilflosigkeit: Bei ihren Familieneinsätzen vermitteln sie bei Schulen und Ämtern, helfen gebrauchte Möbel oder einen Arzt zu organisieren. Sie hören zu und wissen, wo man anrufen kann. Gerade für die neu zugewanderten Mütter sind die ehrenamtlichen Frauen dabei eine wichtige, emotionale Bestärkung.

Wer sich als ehrenamtliche Helferin in einer Familie engagieren will, sollte selbst Kinder erziehen oder erzogen haben. Ein eigener Migrationshintergrund dagegen ist keine Voraussetzung mehr. Nach einem Fortbildungspaket mit vielen Infos zu Hilfsangeboten in Nürnberg, kümmert sich jede Stadtteilmutter der Stadtmission, je nach eigenen Kapazitäten, um ein bis zwei Familien.

 

Zainab Al-Dbeene (49) ist Mutter dreier Kinder und seit fünf Jahren Stadtteilmutter. Auch sie wünscht sich, dass mehr Nürnberger Frauen den Kreis der Stadtteilmütter bereichern. Ein Interview.

 

Frau Al-Dbeene, warum sind Sie Stadtteilmutter geworden?

Als wir nach Nürnberg gekommen sind, suchte ich ein Netzwerk in der Stadt. Eher zufällig bin ich auf die Stadtteilmütter gestoßen, wo ich mich sehr wohl gefühlt habe und gelernt habe, was „Ehrenamt“ in Deutschland überhaupt bedeutet. Ich habe das einfach ausprobiert und mich ausbilden lassen. Die Arbeit als Stadtteilmutter hat mich selbst stark gemacht und ich habe gemerkt, wie auch meine Kinder davon profitieren: Ich leben ihnen vor, dass wir als Familie auch für andere da sind, dass wir kein geschlossenes System sind und Solidarität leben.

Ist Ihnen ein Einsatz als Stadtteilmutter besonders in Erinnerung?

Vor zwei Jahren etwa habe ich eine Mutter mit drei Kindern begleitet. Sie war allein mit den Kleinen. Sie hatten eine Wohnung, aber gemütlich war es da nicht. Sie wusste nicht, wie sie das anpacken sollte und da habe ich ihr geholfen, das Zuhause schön zu machen: Wir haben gebrauchte Möbel besorgt  und zusammen Farbe gekauft und einen Maler organisiert. Die Räume sind schön geworden und die Mama war sehr glücklich.

Was machen diese Einsätze mit Ihnen selbst?

Ich sehe sofort, wie und wo meine Unterstützung ankommt, weil ich ganz nah dran bin bei den Menschen. Es spornt mich an, die Dankbarkeit und Freude der Frauen zu spüren. Außerdem lerne ich in den Familien und durch meine Fortbildungen viel für mein privates Familienleben.

Wo geraten Sie an Ihre Grenzen?

Zum Beispiel habe ich lange eine Familie mit sehr vielen Kindern begleitet. Auch die älteren Kinder waren schon Eltern. Da gab es so viele Probleme zu lösen. Ich habe gemerkt, dass ich langfristig nicht alle gleichzeitig unterstützen kann. Jetzt begleite ich aus dieser Familie nur noch die 21-jährige Naima mit ihren drei Kindern. Unsere Projektleiterin hat mir geholfen, hier eine Grenze zu ziehen. Wir tauschen uns viel aus und profitieren von den  Supervisionsterminen und Weiterbildungen der Stadtmission.

Was brauchen die Eltern und Kinder von Ihnen?

Meine ganze Lebenserfahrung als Mutter und vor allem meinen Beistand. Uns Stadtteilmüttern geht es vor allem auch um die Kinder.

Ich habe in Nürnberg selbst drei Kinder großgezogen. Die beiden älteren sind noch im Irak geboren, aus dem wir vor 16 Jahren geflüchtet sind. Meine Töchter studieren jetzt, die Jüngste besucht eine Hochbegabten-Klasse am Dürer-Gymnasium. Wir Eltern haben im Irak unsere Perspektiven, auch unseren Prestige zurückgelassen und uns hier hochgekämpft, Deutsch gelernt. Als Buchhalterin habe ich in Deutschland nicht mehr Fuß gefasst. Aber das, was ich für meine eigenen Kinder geschafft und gelernt habe, ist viel wert und nützlich für andere Familien. Als Stadtteilmutter merke ich, wie diese Lebens- und Elternerfahrung wertgeschätzt wird.

 

Weitere Infos für interessierte Frauen:

Stefanie Walter , Projektkoordinatorin
M. 01575/ 724 82 89
stadtteilmuetter@stadtmission-nuernberg.de

Meldung vom: 14.05.2018
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