20 Jahre Krisendienst Mittelfranken

Nach Verabschiedung des neuen Psychisch-Kranken-Hilfegesetzes wird das Netzwerk der Krisendienste bayernweit ausgebaut. In einigen, bis dato gänzlich unterversorgten Teilen des Freistaates müssen neue Dienststellen entstehen. Der Krisendienst Mittelfranken hingegen feiert in diesem Jahr bereits seinen 20. Geburtstag. Was leistet er seither in unserer Region?

NÜRNBERG. 3000 Menschen hilft der Krisendienst Mittelfranken jährlich in akuter Not - häufig mehrfach:  Rund 8000 Gespräche zählte die Einrichtung mit Zentralsitz in Nürnberg in 2017. Leiter und Mitgründer Ralf Bohnert (Foto) steht seit dem Start im Jahr 1998 Menschen zur Seite, die in ihrer Lebenssituation keinen Ausweg sehen können. Heute arbeiten fünf Hauptamtliche sowie 70 speziell ausgebildete Honorarkräfte für den Krisendienst. Dadurch können überall in Mittelfranken Hausbesuche angeboten werden. Über die vier Außenstellen in Neustadt/Aisch, Hersbruck, Ansbach und Roth-Schwabach werden die Einsätze koordiniert. Gespräche finden auch in englischer, türkischer, russischer und evtl. künftig in arabischer Sprache statt.


Gefühl von Ohnmacht

Krise definiert Ralf Bohnert als „zugespitzter, existenziell bedrohlicher seelischer Ausnahmezustand, bei der gewohnte Bewältigungsstrategien und bisherige Problemlösungen nicht mehr funktionieren“. Ein Mensch erlebe sich in einer akuten Krise als hilflos und ohnmächtig. Ursachen könnten sein: Depressionen oder Ängste, Probleme am Arbeitsplatz oder finanzielle Not, Familienkonflikte oder häusliche Gewalt, Einsamkeit und vieles mehr. Bohnert sagt weiter: „Manchmal tritt eine Krise unerwartet auf, beispielsweise nach einem Unfall oder dem Tod eines nahen Menschen. Meistens aber mussten unsere Klient/innen schon längere Zeit vieles aushalten, waren mehrfach belastet und glitten in eine klassische Lebenskrise. Schließlich wird alles zu viel. Dann genügt der berühmte Tropfen, der das Fass überlaufen lässt. Es bleibt das Gefühl von nichts geht mehr.“

Mit Sätzen wie „Ich kann nicht mehr.“ oder „Ich weiß nicht mehr weiter.“ starten Hilfesuchende häufig in ein Gespräch mit dem Krisendienst. Diese finden am Telefon, persönlich im Nürnberger Krisendienst-Büro und auch bei Klient/innen Zuhause statt: „Wenn die Not zu groß ist oder gar der eigene Lebenswille in Frage steht, werden Gespräche von Mensch zu Mensch nötig“, weiß Bohnert. „Dann kann es passieren, dass ganze Familien zu uns kommen, Verzweifelte auch ohne Anmeldung vor der Türe stehen oder unsere Mitarbeitenden irgendwo in Mittelfranken ausrücken und das Gespräch bei Klienten zu Hause suchen“. Wichtig ist für Bohnert in jedem Fall: „Krisenhilfe muss unbürokratisch, ohne Umwege und einfach zugänglich sein. In großer Not, dürfen keine Hürden den schnellen Weg zur dringend nötigen Hilfen versperren. Verzweifelte Menschen haben oft nicht die Kraft, Widerstände zu überwinden.“ Von Anfang an formulierten die Krisendienst-Gründer entsprechende Anforderungen an ihr Angebot: Schnell, flexibel, kostenfrei, offen für Jede und Jeden. Den Satz „Dafür sind wir nicht zuständig.“ gibt es beim Krisendienst erstmal nicht. „Natürlich verweisen wir an richtige Stellen, beispielsweise wenn juristischer Rat oder ärztliche Hilfe erforderlich werden. Bis dahin sind wir aber für alle da, die sich bei uns melden“, erläutert Bohnert das bewährte Konzept des mittelfränkischen Krisendienstes.


Akteur im Hilfenetzwerk


Immer gilt: Professionelle Krisenhilfe funktioniert nur gut im Verbund, trägerübergreifend und multiprofessionell. Ein fundiertes Hilfsnetzwerk ist hierfür das A und O – und seit 20 Jahren in stetigem Aufbau begriffen. In der Krisennachsorge psychisch kranker Menschen gelten beispielsweise die sozialpsychiatrischen Dienste als wichtige Kooperationspartner und qualifizierte wie aktive Anlaufstellen. Bohnert selbst arbeitet eng mit den Kolleginnen und Kollegen des Sozialpsychiatrischen Dienst von der Stadtmission Nürnberg zusammen.

Der Zugang zu unterschiedlichsten Angeboten und persönliche Kontakte zu vielen Akteuren im Bezirk machen den Krisendienst zu einer ersten und zentralen Anlaufstelle. Nach der von ihm geleisteten Akuthilfe öffnen sich so wieder Perspektiven für Menschen, die in verschiedensten Sackgassen festsitzen.

Getragen wird der Krisendienst heute vom Förderverein Ambulante Krisenhilfe e.V. – in enger Kooperation mit dem Bezirk Mittelfranken, der Stadt Nürnberg, der Stadtmission Nürnberg sowie der Arbewe gGmbH (Arbeiterwohlfahrt).


Erweiterte Öffnungszeiten und Online-Beratung notwendig

Auch für die Zukunft hat der Krisendienst Mittelfranken Anliegen – beispielsweise nach erweiterten Sprechzeiten. Diese scheitern bislang an finanziellen Mitteln. So öffnet der Krisendienst Montag bis Donnerstag von 18 bis 24 Uhr, Freitag von 16 bis 24 Uhr, Samstag sowie an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 24 Uhr. „Da sich Krisen nicht an Öffnungszeiten halten, sind erweiterte Sprechzeiten nicht nur wünschenswert, sondern notwendig“, erklärt Bohnert auch mit Blick auf das Psychisch-Kranken-Hilfe Gesetz (PsychKHG), das künftig in jedem bayerischen Bezirk einen Krisendienst vorsieht. Geplant sei zudem eine Online-Beratung, mit der noch niederschwelliger beraten wird. Bohnert appelliert auch: „Das öffentliche Bewusstsein für unseren Dienst muss weiter gestärkt werden. Eine Krise kann jeden Mensch treffen – zu jedem Zeitpunkt. Der Krisendienst Mittelfranken ist ein Angebot für alle.“


Kontakt:
Krisendienst Mittelfranken
Hessestraße 10 | 90443 Nürnberg
T. (0911) 42 48 55 - 0
F. (0911) 42 48 55 - 8
info@krisendienst-mittelfranken.de
www.krisendienst-mittelfranken.de

Meldung vom: 01.08.2018
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