Das Team um Einrichtungsleiter Stefan Lippert kümmert sich um Erwachsene mit psychischen Erkrankungen und Problemen, die Unterstützung benötigen, ihr Leben gut zu bewältigen. Die Mitarbeitenden des „BeWos“ (Betreutes Wohnen), so der gängigere Name der Einrichtung aus der Gründungszeit, unterstützen ganz konkret bei der Auseinandersetzung mit der Erkrankung, im Umgang mit Behörden, bei Arztbesuchen, der Freizeitgestaltung, der Haushaltsführung, dem Aufbau sozialer Kontakte oder der Suche nach Arbeit und Beschäftigung.
Möglichst selbstbestimmt leben
„Wir wollen die Eigeninitiative und Selbsthilfe unserer Klientinnen und Klienten stärken und ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben im eigenen Wohnraum ermöglichen“, beschreibt Einrichtungsleiter Lippert das Ziel.
Das Team arbeitet dabei eng mit anderen sozialpsychiatrischen Einrichtungen der Stadtmission Nürnberg sowie weiteren Partnern in der Region zusammen.
Wie wichtig diese Unterstützung ist, zeigt das Beispiel von Svenja. Die 62-Jährige litt unter Bulimie, einer Posttraumatischen Belastungsstörung und einer Angsterkrankung. Ehe sich die Mitarbeitenden der „Assistenz zum Wohnen“ ihrer annahmen, musste sie drei- bis viermal jährlich stationär behandelt werden.
„Vor dem Betreuten Wohnen war ich jedes Jahr drei- bis viermal in der Klinik“, erzählt sie. Seit sie mit Unterstützung der Stadtmission selbstständig in ihrer eigenen Wohnung lebt, sei das nicht mehr nötig gewesen. „Dass ich seitdem nicht mehr in der Klinik war, ist der größte Erfolg, den es für mich gibt.“
Besonders schätzt Svenja die Haltung der Mitarbeitenden: „Hier wird man ernstgenommen.“ Unterstützung bedeute für sie Hilfe auf Augenhöhe. Es werde nichts übergestülpt, vielmehr gehe es darum, die eigenen Fähigkeiten zu stärken und Schritt für Schritt wieder Vertrauen in das eigene Leben zu gewinnen.
„Jeder Mensch bringt seine Geschichte mit“
Voraussetzung für die Aufnahme in den Kreis der Klientinnen und Klienten ist in der Regel eine Kostenübernahme durch den Bezirk. Dafür müssen ein Sozialbericht sowie eine ärztliche Maßnahmenempfehlung eingereicht werden. Was danach folgt, ist stets individuell. „Es gibt kein Strickmuster, das für alle passt“, sagt Einrichtungsleiter Lippert. „Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte und seine eigenen Bedürfnisse mit. Deshalb entwickeln wir gemeinsam individuelle Lösungen. Oft geht es gar nicht um Heilung, sondern darum, den erreichten Zustand zu stabilisieren und Lebensqualität zu erhalten.“
Seit der Gründung des „Betreuten Wohnens“ im Jahr 2001 unter der Leitung von Mario Wagenbrenner wurde das Angebot kontinuierlich weiterentwickelt. Heute arbeitet in der Einrichtung am Berliner Platz ein multiprofessionelles, rund 30-köpfiges Team aus Sozialpädagoginnen, EX-IN-Genesungsbegleiterinnen, Verwaltungsfachkräften sowie hauswirtschaftlichen Mitarbeitenden zusammen. Gemeinsam kümmern sie sich aktuell um rund 200 Klientinnen und Klienten. Diese leben in eigenen (Miet)Wohnungen, kommen regelmäßig zu Gesprächen oder gemeinsamen Aktivitäten an den Berliner Platz oder werden von den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern zuhause besucht. Die Einrichtung hat zudem selbst rund 30 Wohnungen für ihre Klientinnen und Klienten angemietet.
Die Nachfrage nach dieser individuellen Form der Unterstützung ist hoch. Schließlich nimmt die Zahl der psychischen Erkrankungen seit Jahren zu. Die Warteliste sei lang, sagt denn auch Einrichtungsleiter Lippert. Der Sozialpädagoge sieht trotz spürbarer Fortschritte im gesellschaftlichen Umgang mit psychischen Erkrankungen weiterhin großen Handlungsbedarf: „Menschen mit psychischen Erkrankungen haben noch immer nicht die Lobby, die sie brauchen.“ Umso wichtiger seien wohnortnahe ambulante Angebote wie die „Assistenz zum Wohnen“, die Menschen langfristig Stabilität und neue Perspektiven eröffnen. Ein besonderer Schritt ist es auch, wenn Betroffene selbst zu Lobbyisten in eigener Sache werden: Zwei Klienten des Betreuten Wohnens kandidieren im Oktober bei der Wahl des Behindertenrats der Stadt Nürnberg.








