Hilfe im Leben

Kindern eine Sprache geben: Vorlesen ist das A und O

NÜRNBERG. Anlässlich des Internationalen Tags der Kinderrechte am 20. November warnt die Stadtmission Nürnberg vor den Folgen wachsender Sprachdefizite bei Kindern. Sie beobachtet etwa mit Sorge, dass das Vorlesen in der heutigen Zeit bei jüngeren Kindern zu kurz kommt.

Sie machen sich für Kinder und ihre Kommunikationskompetenz stark: Bereichsleiter Johannes Mathes, Tanja Herrmann, Rektorin der Martin-Luther-Schule, und Marion Gebhardt, Leiterin der Therapeutischen Kita der Stadtmission (v. li.)


Das wirkt sich auf deren Sprachentwicklung aus. Auch die Leseleistung älterer Kinder wird schwächer. „Das ist in höchstem Maße alarmierend. Denn nur wenn Kinder eine Sprache dafür finden, was sie bewegt, können sie am sozialen Leben teilnehmen“, sagt Johannes Mathes, Bereichsleiter der Kinder- und Jugendhilfe bei der Stadtmission Nürnberg. Am Tag der Kinderrechte plant die Stadtmission daher viele Leseaktionen und verbindet dies mit dem bundesweiten Vorlesetag am 21. November. 

Die Stadtmission und ihre Kooperationspartner*innen sind davon überzeugt, dass aktives Vorlesen ein wesentlicher Beitrag für eine gesunde Entwicklung unserer Kinder ist. Es hilft nicht nur beim Spracherwerb, sondern auch bei Reisen durch die kindliche Fantasie und vielem mehr. Doch: Glaubt man aktuellen Studien, wie IGLU und PISA, dann ist knapp ein Fünftel eines Jahrgangs auf die aktive Unterstützung durch Eltern, Pädagogen*innen, Lehrkräfte sowie weitere Erwachsene angewiesen, um die sprachlichen Anforderungen in Schule und anderen Lebenssituationen bewältigen zu können. 

Johannes Mathes von der Stadtmission führt aus, dass es hierbei nicht nur um das Lesenlernen und Textverständnis geht oder darum, Deutschkenntnisse zu vertiefen. „Kinder und Jugendliche benötigen sprachliche Kompetenzen, um an der Gesellschaft teilzuhaben, um Gefühle in Worte zu fassen und gewaltfreie Lösungen zu finden, um Freundschaften zu schließen und um ihre eigene Zukunft gestalten zu können.“ Er fordert daher, Spracherwerb nicht auf Wissenserwerb zu verkürzen. „Es muss in erster Linie darum gehen, Kommunikationskompetenz zu vermitteln.“ Dies müsse grundsätzlich in die Arbeit mit Kindern einfließen, auch in vorschulische Sprachkurse und Lehrpläne.

Spaß an Sprache entdecken

Wie eng Sprachkompetenz und Verhalten zusammenhängen, erleben die Pädagogen*innen der Martin-Luther-Schule, eine Förderschule in Trägerschaft der Stadtmission, Tag für Tag. „Kinder mit einem hohen emotional-sozialen Förderbedarf zeigen häufig auch sprachliche Beeinträchtigungen. Diese werden oftmals nicht erkannt beziehungsweise treten gegenüber den Verhaltensauffälligkeiten in den Hintergrund. Mit Schuleintritt bemerken wir dann häufig eine deutliche Wechselwirkung zwischen sozial-emotionalen Kompetenzen und den sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes: Sprachliche Defizite wirken auf die Entstehung, Ausprägung und Aufrechterhaltung von Verhaltensauffälligkeiten. Diese wiederum beeinträchtigen die Sprachentwicklung“, schildert Tanja Herrmann, Sonderschulrektorin an der Martin-Luther-Schule.
Die Schule setzt daher gezielt an den sprachlichen Fähigkeiten an: „Ein erster Schritt, den wir mit den Kindern gehen, ist, gemeinsam Ausdruck und Wortschatz für Emotionen zu finden. Denn wenn Wortschatz fehlt, um Emotionen zu verbalisieren, hat dies ungünstige Auswirkungen auf das Verhalten in emotionsintensiven Situationen“, so Herrmann weiter. 

Gezieltes Sprachtraining

Der Stadtmission Nürnberg ist es ein großes Anliegen, Kindern zu helfen, Spaß an Sprache und ihren Möglichkeiten zu entdecken. Deshalb schafft sie Orte, wo Kinder genau das finden. So erarbeiten und gestalten die Fachkräfte gemeinsam mit den Kindern klassenspezifische Gefühlsbilder. Es werden Bilderbücher betrachtet, in denen es gezielt um Gefühle geht. „Wir arbeiten mit Gefühlskarten, wir hören und sehen uns dazu Geschichten im Erzähltheater an. Im Unterricht fließt immer wieder auch sprachheilpädagogische Arbeit im Wortschatzbereich mit ein wie über das ,Wort des Tages/der Woche‘, Handpuppenarbeit oder individuelle Karteikästen“, erläutert Herrmann. „In unserer intensivpädagogischen Inselgruppe arbeiten wir konstant mit gezieltem Sprachtraining. Kinder mit einem besonders hohen sprachlichen Förderbedarf erhalten zusätzlich Einzelförderung.“ 

(Vor-)Lesenachmittag, Bilderbuchkino, Pixibücher und Lesezeichen

Einer der Kooperationspartner zum diesjährigen Internationalen Tag der Kinderrechte ist UNICEF Nürnberg, vertreten durch Rainer Köhler. Er ergänzt:: „Die Sprache, die Schrift, das Lesen, das Lehren, die Kommunikation – sie sind die Grundlagen für Bildung und müssen allen Kindern gleichermaßen zugänglich sein. Das Recht auf Bildung ist ein sehr wichtiges Kinderrecht, das sich in seiner Forderung unablässig an Entscheidungsträger und Durchführende richtet und die Position der Kinder stärkt. Bildung ist die Basis individueller und gesellschaftlicher Teilhabe.“

In diesem Zusammenhang weist er auf ein Statement der UNICEF-Schirmherrin Elke Büdenbender hin: „Unsere Zukunft beginnt mit unseren Kindern. Nur wenn sie gesund, gebildet und geschützt aufwachsen und von Anfang an gefördert werden, kann die Vision einer besseren Zukunft für uns alle Wirklichkeit werden.“
Abschließend führt Rainer Köhler aus: „Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung. Dabei sollen die Persönlichkeit, die Begabung sowie die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll entfaltet werden können. UNICEF unterstützt mit einer Schulaktion erfolgreich die Freude am Lesen und fördert so das Bewusstsein, wie schön Lesen sein kann und wie wichtig es ist, sich mit Lesen zu bilden.“

#Turn the world blue – für Kinderrechte

Auch in den Kindertageseinrichtungen sind in diesem Jahr am 20. November besondere Leseaktionen geplant. So wird neben einem (Vor-)Lesenachmittag auch ein Bilderbuchkino stattfinden. Außerdem erhalten alle betreuten Kinder und Jugendlichen der Stadtmission eine kleine Lesemotivation in Form eines Pixibuchs oder eines bunten Lesezeichens.
Der Internationale Tag der Kinderrechte erinnert an den 20. November 1989, an dem die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet wurde. Viele Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe schließen sich daher immer am 20. November der weltweiten UNICEF-Aktion #TurnTheWorldBlue an. Der Stadtmission Nürnberg ist es als großer Trägerin von Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe – wie heilpädagogischen und therapeutischen Tagesstätten und Wohngruppen sowie des Förderzentrums Martin-Luther-Schule und Kitas – ein Herzensanliegen, sich hier zu beteiligen. Sie tut dies gemeinsam mit Partnerorganisationen bereits zum dritten Mal. 

Das wird nach außen und innen sichtbar: Fenster werden blau illuminiert, Mitarbeiter*innnen tragen Blau und für die von der Stadtmission betreuten Kinder und Jugendlichen gibt es mit blauer Lebensmittelfarbe gefärbte Leckereien.

In Nürnberg bekennen unter anderen folgende Organisationen am Aktionstag Farbe für Kinderrechte: 
-    Diakoneo
-    Evang.-Luth. Dekanat Nürnberg
-    Evangelische Kindertagesstätten gemeinnützige GmbH Nürnberg (ekin)
-    Kinderkommission der Stadt Nürnberg
-    Kinderschutzbund Kreisverband Nürnberg e.V
-    Malteser Hilfsdienst Nürnberg
-    Rummelsberger Diakonie
-    UNICEF Nürnberg
-    Stadtmission Nürnberg e.V. (Initiatorin)