»Eine solche Welle der Solidarität habe ich nie erlebt«

Jochen Nußbaum, Leiter der Spendenabteilung der Stadtmission, liebt seine Arbeit als Brückenbauer zwischen Menschen, die Hilfe brauchen, und Menschen, die helfen wollen. »Gefühlt«, sagt er: »So viel Not und gleichermaßen so viel Hilfsbereitschaft wie im Coronajahr war wohl nie.«

Auf einer Wiese stehen zwei Frauen und ein Mann.

Jochen Nußbaum vermittelt und betreut mit seinem Team Spender*innen an hilfesuchende Menschen oder Sozialprojekte der Stadtmission Nürnberg. Links: Kollegin Christine Fiesel, rechts: Stephanie Öttl.

Lieber Herr Nußbaum, wie blicken Sie auf dieses letzte Jahr zurück?
Dankbar und überwältigt! Wir haben mit jeder Coronawelle auch eine Welle der Hilfsbereitschaft erfahren. Wahnsinnig viele Sach- und Lebensmittelspenden und ebenso bei den Geldspenden für unsere Arbeit – die haben alle Rekorde gebrochen: 25 % mehr im Vergleich zum Vorjahr.

Lassen Sie es uns noch konkreter machen: Gibt es vielleicht ein exemplarisches Spendenereignis, das sie herausgreifen können, weil es dieses ohne Corona wohl nicht gegeben hätte?
Da denke ich zum Beispiel an den Hobby-DJ Florian Dalferth. Der hat im allerersten Lock-Down 2020 begonnen, auf seiner Terrasse für die Nachbarschaft aufzulegen. Um Leute rauszulocken ins Freie, raus aus der Isolation. Das hat alle begeistert. Und dann hat die gesamte Nachbarschaft aus diesen Hinterhof-Konzerten ein Charity-Event gemacht und gesammelt, für alle, denen es in der Corona-Krise richtig schlecht geht. Ganz anderes Beispiel: Etliche Unternehmen haben gesagt: Wir können dieses Jahr keine Weihnachtsfeier machen. Was können wir stattdessen mit dem Geld Gutes tun?

Was treibt die Menschen an, in der Krise ihr Herz und ihre Geldbeutel aufzumachen, anstatt die eigenen Mittel zusammenzuhalten in unsicheren Zeiten?Ich hatte den Eindruck, dass dieses Virus und seine schlimmen Folgen jedem von uns sehr nah gekommen sind. Dieses Gefühl, dass es jeden treffen könnte, das hat viel bei den Leuten ausgelöst. Und dann entstand auch ein ganz klares Bewusstsein dafür, wie gut es vielen geht, welche Sicherheiten sie haben im Vergleich zu anderen. Welches Glück mit Familie und Beruf. Das plötzlich auch wahrzunehmen. Dazu kam die sehr sichtbare Not anderer: »Bleiben Sie zuhause!« – dieser einfache Satz, verbunden mit den Bildern obdachloser Menschen, die nirgendwo unterkommen. Das hat die Leute aufgewühlt und mobilisiert: Sie wollten die soziale Kluft überbrücken.

Was kann die Stadtmission mit diesem Mehr von Hilfe erreichen?
Wir sind in der Lage, unsere Hilfen für die Menschen aufrechtzuerhalten, die sie dringend brauchen – zum Teil sogar auszubauen. Keiner weiß ja, wie es weitergeht. Dass nach der Krise gespart wird – auch an manchen sozialen Belangen – ist zu befürchten. Andererseits: Allein im letzten Jahr hat sich auch richtig viel bewegt. Bestes Beispiel: Die Diana Herberge. Die ist u.a. durch schnelles Anpacken der Stadt im Frühjahr 2020 für Wohnungslose als ad- hoc-Hilfe entstanden. Jetzt wird dort ein dauerhafter zweiter Standort unserer Ökumenischen Wärmestube bleiben. Die seit langem überlastete Wärmestube in der Köhnstraße bekommt damit wieder mehr Luft. Die Besucher verteilen sich. Mehr Raum für Sozialberatung entsteht, das Dauer-Stresslevel für Gäste und Team wird unterbrochen. Und wer endlich wieder einmal zwei Tage durchgeschlafen hat, ist auch für nachhaltigere Hilfe erreichbar. Ohne Spenden ist das alles nicht denkbar.

Was hat sich in Ihrem Team nach diesen letzten Monaten verändert?
Wir hatten so viele Anfragen von Menschen, die helfen wollen - nicht nur im letzten Jahr: Völlig zu Recht wollen sie genau wissen, was mit ihrer finanziellen Unterstützung passiert und was sie bewirkt. Das gilt genauso für Menschen, die über ihr Erbe oder eine Zustiftung nachdenken. Und darauf haben wir reagiert: Seit Juni haben wir eine neue Kollegin im jetzt vierköpfigen Spendenteam, Stephanie Öttl, die sich künftig um Benefizaktionen und die vielen Firmen und Spender*innen kümmert, die unsere Arbeit regelmäßig oder mit kleineren, anlassbezogenen Aktionen unterstützen. Ich wiederum werde verstärkt Menschen beraten, die z.B. mit ihrem Vermächtnis oder einem größeren Teil ihres Vermögens langfristig Gutes tun wollen. Ziel ist es, künftig noch besser sicherzustellen, dass sie sich in ihrem Engagement wirklich gut beraten und richtig verortet fühlen.

 

 

Hilfe im Leben – Stadtmission Nürnberg