Wenn der Körper schmerzt und die Seele schwer ist, braucht es manchmal mehr als nur gute Medizin. Gretel Schmitt hat Hilfe angenommen – und neuen Halt gefunden. Der Sozialpsychiatrische Dienst bietet zahlreiche Angebote speziell für ältere Menschen an.
Der Stups von außen

Petra Vitzthum
kennt die Sorgen und Nöte der älteren Klienten*innen des SPDI gut. Die Angebote des Hauses sind für diese bewusst niedrigschwellig zugänglich.
Gretel Schmitt (Name geändert) merkt man nicht gleich an, dass sie neben den körperlichen auch mit seelischen Herausforderungen kämpft, sogar schon Suizidgedanken hatte. Auch wenn ihr manche Wörter nicht mehr sofort einfallen, wird schnell klar, dass die 80-Jährige nicht auf den Mund gefallen und ziemlich fit im Kopf ist. »Ich überhole mich manchmal selbst, auch heute noch«, sagt sie. Umso härter war es, als sie immer »lidschäftiger«, nach und nach gebrechlicher wurde.
Schmitt wohnt alleine – dennoch ist Einsamkeit keines ihrer Probleme. Denn sie hat eine ziemlich volle Woche. Allein die Arztbesuche nehmen viel Zeit und Kraft in Anspruch. Nach rund 20 stationären Operationen kommt sie um eine weitere bald nicht mehr herum. »Das mit dem Körper ist schon hart«, gesteht die gelernte Krankenschwester, »alles tut weh«. Schmitt war in jüngeren Jahren sehr sportlich – und ehrgeizig, ahnt man, – hat als Hochspringerin Preise gewonnen. Obwohl die Wege für sie heute belastend sind, macht sie sich zu Fuß mit ihrem Rollator und per ÖPNV mehrmals in der Woche auf, um die Angebote des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPDI) der Stadtmission Nürnberg zu nutzen.
»Ich fühlte mich gehört und angenommen«
Vor vielen Jahren nahm Gretel Schmitt das erste Mal Hilfe beim SPDI in Anspruch. Sie hatte von der »Depressionsgruppe« gehört und sich gleich angesprochen gefühlt. Kurz nachdem ihre geliebte Schwester den Kampf gegen Krebs verloren hatte, erhielt sie selbst die Diagnose Brustkrebs. Ein Schock, den sie praktisch allein bewältigen musste. Ihre Verwandtschaft wohnt weit weg. »Außerdem möchte ich sie schonen.« Unerwartet traf sie die Reaktion ihrer damals besten Freundin, welche den Selbstschutz dem Freundschaftsdienst des seelischen Beistands vorzog und sich abwandte. In der Gruppe beim SPDI konnte Schmitt »alles rausspucken, ich fühlte mich gehört und angenommen«. Das sei ihre Rettung gewesen und habe sie auf Vordermann gebracht, sagt sie.
»Atmen«, erinnert Petra Vitzthum Frau Schmitt gelegentlich, wenn diese beim Erzählen immer schneller spricht. Seit knapp zwei Jahren begleitet Vitzthum vom Gerontopsychiatrischen Fachdienst des SPDI Gretel Schmitt in der Einzelberatung. Gemeinsam gehen sie vor allem »Behördendinge« an. Immer häufiger spricht die herzlich-bestimmte alte Dame sich dabei den Frust von der Seele. »Dafür bin ich ja auch da«, betont Vitzthum.
— Petra Vitzthum, Sozialpädagogin beim SPDIJeder Mensch trägt auch die Lösung irgendwo in sich.
Wie der SPDI älteren Menschen neue Wege eröffnet
Drei Tage die Woche arbeitet die Sozialpädagogin beim SPDI. Neben der Einzelberatung leitet sie die Gedächtnisgruppe, berät Angehörige, ist in Einsatzbereitschaft für den Krisendienst Mittelfranken und knüpft in Arbeitskreisen Netzwerke. »Unser Angebot verbreitet sich unter den Älteren oft über Mundpropaganda«, weiß sie. Natürlich vermitteln auch Ärzte*innen ihre Patienten*innen. Aber nicht jede*r komme zum SPDI mit einer Diagnose. »Manchmal ist es tiefe Trauer nach dem Verlust des Partners, von der man dachte, sie werde nach einem Jahr besser«, veranschaulicht sie. Ein großes Thema ist auch die Einsamkeit, aber dagegen sei noch kein Kraut gewachsen. »Viele sind im Alter geistig fit, aber der Freundes- und Bekanntenkreis schwindet.«
So oder so, wer zum SPDI komme, sei an einem Punkt, an dem es akut ist. Gerade für Ältere sei es schon ein Schritt, sich überhaupt Hilfe zu holen. Und: »Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit, hat sein eigenes Päckchen zu tragen und trägt auch die Lösung irgendwo in sich«, so Vitzthums Erfahrung. Gemeinsam schauen wir dann, welche Hilfe nötig ist und »wo die Reise hingeht«. Das könne neben Gesprächen auch die Vermittlung einer Psychotherapie oder des Persönlichen Budgets sein, oder einfach eine Anbindung »ans Haus«. Die Angebote des SPDI sind bewusst niedrigschwellig zugänglich. Scham spiele oft eine große Rolle für Betroffene. Wenn man aber wisse, dass es den anderen ähnlich gehe wie einem selbst, mache es das leichter. So entstehen beim SPDI immer wieder auch neue Freundschaften.
Das Schönste an ihrer Arbeit sei, wenn sie sehe, dass sie etwas bewirkt und positive Rückmeldungen bekommt: »Wegen Ihnen habe ich es heute geschafft rauszugehen« oder »Sie sind heute mein Highlight«. Manchmal sei es »der Stups von außen, damit die Klientinnen und Klienten merken, sie können’s«, meint Vitzthum.
Auch Gretel Schmitt nahm diesen Stups gerne an. Als es ihr besserging, sang sie im Chor mit, nahm an der Mal-, Tanz- und Gymnastikgruppe und an Ausflügen teil und gestaltete das Sommerfest mit. Inzwischen hat sie beim Gedächtnistraining viel Freude. Dort gebe es eine gute Gemeinschaft und es werde viel gelacht. Auch heute noch ist Gretel Schmitt aktiv und braucht immer Input, wie sie sagt. Sie geht zu Vorträgen oder liest die ganze Nacht, wenn sie vor Schmerzen nicht schlafen kann. Und sogar ehrenamtlich ist sie aktiv und bringt sich mit ihren Ideen gelegentlich in einer Tagespflege für andere Senioren*innen ein.
Text: Anna Thiel


