»Das tut mir gut hier«

In Deutschland sind jedes Jahr fast 30 Prozent aller Erwachsenen von einer psychischen Erkrankung betroffen. Manche erkranken so stark, dass sie nicht mehr arbeiten können. Sie verlieren dann nicht nur ihren Job, sondern auch ein Stück ihrer Identität. Das Team der Therapeutischen Werkstatt der Stadtmission Nürnberg führt Betroffene behutsam zurück in die Arbeitswelt.

Einrichtungsleiter Simon Weghorn

zeigt Stühle, die in der Therapeutischen Werkstatt gefertigt werden.

Es herrscht eine ruhige Atmosphäre. Die Klienten*innen arbeiten konzentriert. Sie setzen Dübel zusammen oder rosa Spitzer für Federmäppchen. Andere prüfen Lineale auf Fehler und trennen astreine Ware vom Ausschuss. Eine Werkbank weiter schrauben Mitarbeitende Sauger und Deckel auf Baby-Fläschchen. Auf mehreren Etagen und in einer fußläufig erreichbaren Dependance geht die Arbeit weiter: Hier werden PCs instandgesetzt, Bilder digitalisiert, Internetrecherchen erledigt, Schreinerarbeiten gemacht, Kleiderspenden sortiert oder Kartonagen zusammengesteckt.

Namhafte Firmen geben Aufträge an die Therapeutische Werkstatt in der Nürnberger Südstadt. »Wir haben ein sehr breites Angebot an Arbeitsaufträgen«, erläutert Simon Weghorn. Er arbeitet seit fast 20 Jahren in der Einrichtung, seit 2020 als Leitung. »Leitung – auf die Idee wäre ich selbst nie gekommen«, erzählt er und lacht. Der gelernte ­Ergotherapeut und Schreiner hat dafür den Sozialfachwirt draufgesattelt: »Ich mag es, die Werkstatt weiterzuentwickeln. Es gibt fast keinen Tag, an dem ich nicht gern auf die Arbeit gehe.«

Mit seinem multiprofessionellen Team kümmert sich Weghorn aktuell um 275 Klienten*innen auf knapp 100 arbeitstherapeutischen Plätzen; darunter sind auch Rehabilitanden*innen und Bewohner*innen des Marianne-Leipziger- und Maria-Augsten-Hauses der Stadtmission. Hier können sie mit sinnvollen Aufgaben ihre Arbeitsfähigkeit trainieren. Die einen arbeiten lieber vormittags, die anderen nachmittags. Die minimale Arbeitszeit beträgt neun Stunden pro Woche. Wer schon viel stabiler und belastbarer ist, kommt von Montag bis Freitag. 

Niemand wird weggeschickt
 
Alle Klienten*innen leiden an schweren psychischen Erkrankungen. Viele haben stationäre Klinikaufenthalte hinter sich und leben in Einrichtungen des betreuten Wohnens, auch der Stadtmission. »Persönlichkeitsstörungen nehmen zu, und die Klientinnen und Klienten werden immer jünger«, beobachtet Weghorn. Die Nachfrage nach einem Platz in der Arbeitstherapie, die vom Bezirk im Rahmen der Eingliederungshilfe refinanziert wird, ist entsprechend hoch. Die Einrichtung ist kontinuierlich ausgelastet. Irgendwie machen es Weghorn und sein Team trotzdem möglich, dass sie keinen abweisen müssen. »Wir schicken hier erstmal niemanden weg.«

Am Anfang steht das Aufnahmegespräch. Die Klienten*innen erzählen ihre Krankengeschichte und loten gemeinsam mit den Therapeuten*innen aus, wie die bestmögliche Unterstützung für sie aussehen kann. Das wichtigste Ziel: Stabilität und eine feste Tagesstruktur.

Mit Fingerspitzen­gefühl

David F. setzt mit großer Geduld ­Kartonagen zusammen. 

David F.s Aufnahmegespräch fand vor 17 Jahren statt. Gern möchte er seine Geschichte erzählen. »Ich will zeigen, dass man was machen kann«, sagt der 40-Jährige. Seit seinem 16. Lebensjahr leidet er an einer speziellen Form von Schizophrenie, die mit Wahrnehmungsstörungen im Körper einhergeht. Er kennt Depressionen und kämpft mit Süchten – erst mit Online-Spielsucht, aktuell mit riskantem Alko­holkonsum.

Die Arbeit in der Therapeutischen Werkstatt gibt David F. den dringend benötigten Halt, auch wenn es ihm anfangs nicht leichtfiel, sich hier einzugliedern. »Ich war sehr auffällig, ein kleiner Rebell, ich habe mich dagegen gesträubt«, erinnert er sich. Er habe es lang nicht wahrhaben wollen, dass er seinen erlernten Beruf Landschaftsgärtner nicht mehr ausüben kann. »Manchmal kommt mir das immer noch hoch. Dann vermisse ich meinen Job.« Heute setzt er mit bewundernswerter Geduld und viel Fingerspitzengefühl kleinteilige Kartonagen zusammen – für den in Werkstätten üblichen Lohn von 1,60 Euro pro Stunde. 

»Das tut mir gut hier«, resümiert David F. Nicht nur, dass er wieder eine sinnvolle Aufgabe hat. Er ist vor allem eingebunden in ein soziales Netz aus Therapeuten*innen und Kollegen*innen. »Struktur ist verdammt wichtig. Vorher wusste ich nicht, was ich tagsüber machen sollte.« David F. ist in der Therapeutischen Werkstatt viel stabiler geworden. Er habe sich hier sehr zum Positiven verändert, meint er selbst und ergänzt fast ein wenig staunend: »Das ist eigentlich der Wahnsinn.«

Text: Sabine Stoll

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