»Die Chance, mein Leben zu ändern«

Das Grün rankt üppig, Vögel zwitschern lauthals ihr Lied, mittendrin thront eine anheimelnde Villa: Das Therapiezentrum Wolkersdorf ist idyllisch am Rande Schwabachs gelegen, umgeben von Wiesen und Feldern. In diesem geschützten Umfeld können 28 Klienten entscheidende Schritte in ein drogenfreies Leben gehen. Sie profitieren dabei von einem runderneuerten, individuell maßgeschneiderten Therapieangebot.

MARINA LANDS­HAMMER

mit FREDERIK (li.) und PHILIPP. Sie leitet das Therapiezentrum Wolkersdorf und begleitet ihre Klienten auf dem Weg in ein drogenfreies Leben.

Gleich ist Zeit für die Arbeitstherapie. Dann hilft Philipp (33) im Hauswirtschaftsteam, und Frederik arbeitet im Garten. Der 27-Jährige hat eine verantwortungsvolle Aufgabe übernommen: Er leitet das Gärtnerteam an. Im Anschluss finden Therapiestunden statt, einzeln und in der Gruppe. Leerlauf ist selten in Wolkersdorf. Dass die Tage eng getaktet sind, gehört zum Konzept. »Anfangs war das schon eine Umstellung. Zuletzt war ich zuhause ja nur noch im Bett. Jetzt ist viel zu tun, aber dafür haben wir eine feste Struktur«, sagt Frederik. Seit mehr als zehn Wochen leben beide in der stationären Einrichtung der Stadtmission Nürnberg. Bis zu 28 Männer werden hier von einem multiprofessionellen Team kompetent auf dem Weg aus der Abhängigkeit von legalen und illegalen Substanzen begleitet. Die Klienten, die meisten sind Anfang bis Mitte 20, kommen oft unmittelbar nach einem Entzug an und werden von einem Therapie-Paten an die Hand genommen.

 

»Ich habe mich in der ersten Woche direkt wohlgefühlt«, erzählt Frederik. »Ich hatte einen sehr, sehr tollen Paten, der mir alles gezeigt hat.« Bei Philipp hat es ein wenig gedauert, bis er angekommen ist. »Mittlerweile habe ich mich sehr gut eingelebt. Wir haben eine tolle Gemeinschaft hier.«

Wer ins Therapiezentrum Wolkersdorf kommt, hat oft schon mehrere Versuche hinter sich, endlich clean zu werden. Philipp war polytox. Er hat jahrelang verschiedene Substanzen gleichzeitig konsumiert: Metamphetamin, Cannabis, Speed. »Das ist schon meine vierte Therapie.« Er weiß: »Ich muss was ändern. Ich muss meine Sucht angehen.«

Auch Frederik war irgendwann an dem Punkt, an dem sich die anfänglich von ihm als positiv wahrgenommene Wirkung von Opioiden oder Amphetamin (»Das hat mir geholfen, abzuschalten und zu funktionieren«) ins Gegenteil verkehrt hat. Der gelernte Kaufmann für Büromanagement konnte nicht mehr arbeiten, nichts ging mehr. »Ich hatte einen Zusammenbruch.« Er kam in schlechter Verfassung im Therapiezentrum an. Heute sagt er, »Wolkersdorf ist eine Chance, meine Vergangenheit zu verarbeiten. Ich habe die Hoffnung auf eine gute Zukunft zurückerlangt. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier die Chance bekomme, mein Leben zu ändern.«

Die Therapie in Wolkersdorf dauert in der Regel 22 Wochen und wird individuell an die Bedürfnisse der Klienten angepasst. »Unser 2024 neu gestaltetes Konzept rückt den einzelnen Menschen und seine Wünsche in den Mittelpunkt unserer Arbeit«, sagt Marina ­Landshammer, die Leiterin der Einrichtung. Die Hausregeln wurden modernisiert: Besuch ist leichter möglich. Das Handy muss nicht mehr ganz, sondern nur noch tagsüber während der Therapiezeiten abgegeben werden. Die Klienten dürfen ihr Geld selbstständig verwalten. »Wir übertragen unseren Klienten mehr Verantwortung«, fährt Landshammer fort.

Nach der Eingewöhnung folgt die erste Therapiephase. Danach geht es ans »Eingemachte«: Nach ungefähr drei Monaten können die Klienten den Testlauf für ein selbstbestimmtes Leben ohne Drogen starten, indem sie mit Realitätstraining in Form von Stadtausgängen und Heimfahrten beginnen. Läuft das gut, können die Klienten im sogenannten Adaptionshaus in Nürnberg-Katzwang oder im ambulant betreuten Wohnen der Stadtmission Nürnberg die nächsten Schritte in Richtung Selbstständigkeit gehen. 

Frederik und Philipp arbeiten auf diese Selbstständigkeit hin. Wo sie sich in Zukunft sehen? »Ich möchte studieren«, sagt Frederik. Philipp möchte seine Schulden hinter sich lassen und wieder bei der »Damus« als Maler und Lackierer arbeiten; bei einem Tochterunternehmen der Stadtmission.

Philipp und Frederik sind guten Mutes, dass sie es dieses Mal schaffen werden. »Ich bin dankbar, beobachten zu dürfen, wie die Klienten sich hier verwandeln«, sagt Einrichtungsleiterin Landshammer. »Sie kommen psychisch sehr instabil. Der Selbstwert ist oft sehr gering. Wenn die Klienten dann im Abschlussgespräch sagen, dass sie sich bereit fühlen, ins Leben zu gehen, dann ist das eine wunderbare Sache.«

Text: Sabine Stoll

 

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