Stadtmission Nürnberg und Diakonie Erlangen kümmern sich auf vielen Feldern um geflüchtete Menschen. Sie helfen beim Ankommen, unterstützen bei Umgang und Kommunikation mit Behörden und beraten Bewohner*innen in den Außenstellen der Anker-Zentren bei ihren Asylverfahren. Das Team um Bereichsleiter Björn Bracher und Einrichtungsleiter Christian Teleki will niemanden im Stich lassen, der hier eine neue Heimat sucht. Doch die Arbeit ist schwieriger geworden, wie sie im Interview erzählen.
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Bereichsleiter BJÖRN BRACHER (li.) und
Einrichtungsleiter CHRISTIAN TELEKI erleben in ihrer Arbeit, wie die veränderte Stimmung im Land Migrantinnen und Migranten verunsichert.
Seit Angela Merkels »Wir schaffen das!« hat sich die Stimmung im Land gedreht. Die Asyl-Politik wurde verschärft, die Debatte um Migration wird aufgeheizt geführt. Wie wirkt sich das auf Eure Arbeit aus?
Christian Teleki: Gesellschaftlich gesehen ist die Arbeit mit Geflüchteten in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Vor zehn Jahren hatten wir noch sehr viele Ehrenamtliche, die sich engagiert haben. Mittlerweile haben wir einen sehr deutlichen Rückgang bei den Ehrenamtlichen. Das ist sicher auch Corona geschuldet, aber Teile der Gesellschaft haben in den vergangenen Jahren eine ablehnende, wenig willkommen heißende Haltung eingenommen.
Björn Bracher: Viele Ehrenamtliche haben gerade 2015 ein Riesenengagement an den Tag gelegt. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft. Diese Freiwilligen haben dann aber nicht nur mitbekommen, wie die Stimmung kippt. Sie sind zum Teil auch an unseren bürokratischen Strukturen verzweifelt. Manche wollten helfen, waren aber schlicht selbst überfordert mit Anträgen für Wohngeld oder fürs Sozialamt, weil die so kompliziert sind. Wir merken den Stimmungswandel auch daran, dass wir in der Integrations- und Migrationsberatung nicht mehr so leicht an Spendengelder für Projekte kommen.
Mittlerweile gehen die Flüchtlingszahlen sogar zurück. Habt Ihr dadurch auch weniger Klientinnen und Klienten?
Teleki: Die Zahlen der Geflüchteten sind tatsächlich deutlich rückläufig, obwohl wir genauso viele oder sogar noch mehr Krisenherde auf der Welt haben. Ob das daran liegt, dass der Ton rauer geworden ist, kann ich nicht beurteilen. Bei uns vor Ort – wir arbeiten ja direkt in den Gemeinschaftsunterkünften – sehen wir aber nach wie vor einen großen Andrang. Die Verschärfung der politischen Debatte verunsichert unsere Klientinnen und Klienten. Viele machen sich Sorgen, wie es weitergeht. Auch Geflüchtete, die schon einen Aufenthaltstitel haben, haben Angst. Sie fragen sich: Muss ich vielleicht doch wieder nach Hause, obwohl ich eine Arbeit habe und die Kinder in der Schule und sprachlich gut integriert sind?
Eure Beratungsarbeit ist also mindestens genauso gefragt?
Teleki: Genau, wir müssen noch viel mehr auf die psychosoziale Komponente achtgeben. Wir leisten noch viel mehr Aufklärungsarbeit. Wir müssen die neuen rechtlichen Rahmenbedingungen ja auch selber erst einmal verstehen. Wir müssen die Menschen sehr motivieren, sich nicht verunsichern zu lassen. Das ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit.
Die schärfere Asylpolitik findet in der Bevölkerung mehrheitlich Zustimmung. Wie geht Ihr persönlich damit um?
Teleki: Ich ärgere mich manchmal über die pauschale Berichterstattung in den Medien über Geflüchtete. Ich ärgere mich über Hetze, die den rechten Parteien nutzt. Ich bin irritiert und traurig über diese Entwicklung. Als Berater weiß ich, dass die Menschen, die hier sind, sich zum größten Teil integrieren wollen. Wir haben hier mit Schicksalen zu tun; mit Menschen, die einen schweren Weg hinter sich haben. Wir müssen ihnen doch Perspektiven geben.
Bracher: Kein Mensch verlässt freiwillig seine Heimat. Ich persönlich kenne keinen, der nicht sagt: Ich will arbeiten und das deutsche System verstehen.
— Björn Bracher, Bereichsleiter Beratungsdienste und GefährdetenhilfeWir lassen die Menschen, die hier eine neue Heimat suchen, nicht im Stich.
In welcher Verfassung kommen die Menschen in den Unterkünften an? Was brauchen sie am dringendsten?
Teleki: Die meisten kommen über sehr gefährliche Fluchtrouten, viele hingen unter unmenschlichen Bedingungen länger fest. Mit Glück, Zufall und viel Wagnis haben sie es dann doch hierhergeschafft. Die meisten Geflüchteten bringen psychische Belastungen mit. Wir helfen dann erst einmal beim Ankommen. Zuhören hilft. Ganz wichtig sind die materielle und gesundheitliche Grundversorgung. In den ersten Monaten müssen die Menschen erst einmal durchatmen können. Erst wenn sie sich eingerichtet haben, können wir Schritt für Schritt Perspektiven und Wege öffnen. Sprachkurse sind das A und O. Ich befürchte, dass es hier nun Kürzungen gibt.
Bracher: Dadurch werden die Hürden für echte Integration wieder höher. Es ist kontraproduktiv, hier zu sparen.
Was wünscht Ihr Euch von der Politik?
Teleki: Für mich wäre es wichtig, dass die Kompetenzen der Geflüchteten gesehen und gefördert werden und dass diese am Ende nicht in fragwürdigen Mini-Jobs im Niedriglohnsektor landen.
Bracher: Ich wünsche mir keine deutschen Alleingänge, sondern eine europaweite Regelung der Asylpolitik. Und der Zugang zur Arbeitswelt muss viel schneller ermöglicht werden. Davon profitieren die Geflüchteten – und wir auch.
Interview: Sabine Stoll


