Die Second-Hand-Shops »allerhand« und »Fundgrube« verbinden Nachhaltigkeit mit kleinen Preisen für Bedürftige. Nürnbergs »allerhand« bietet Arbeitslosen zudem eine neue Chance auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Neu in diesem Jahr: die »Glamour Week«.
Glamour trifft Teilhabe

Carmen B.
ist dankbar für die Chance und die Anerkennung, die sie von der Stadtmission bekommen hat.
Für zwei Wochen glitzerte und glänzte es im allerhand-Gebrauchtwarenladen der Stadtmission Nürnberg. Der Grund war die »Glamour Week« – eine Aktion, die im Frühjahr 2025 erstmals stattfand und festliche Mode für wenig Geld versprach. »Auch Menschen mit wenig Einkommen sind auf Hochzeiten eingeladen oder möchten sich zu einem besonderen Anlass gern mal schick machen«, erklärt Jana Kuttner die Idee. Die 27-Jährige ist Referentin für Armutsprävention und Projektmanagement bei der Stadtmission. »Sogar drei Brautkleider hatten wir im Fundus«, ergänzt Carmen B., die das Lager von allerhand leitet. Auch das 23-köpfige Team fand die Idee toll und hängte sich voll rein: Schuhe wurden poliert, Klamotten sortiert und schicke Accessoires ausgewählt.
Arbeit mit Sinn und Rückhalt
Natürlich ist Nachhaltigkeit Teil des Konzepts des Ladens. Ein paar Besonderheiten unterscheiden ihn aber von anderen Second-Hand-Shops: Menschen mit geringem Einkommen zahlen nur den halben Preis. Vor allem aber beschäftigt er Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt bei der Jobsuche schon lange keinen Erfolg haben, aber motiviert sind und arbeiten möchten. 15 Plätze für so genannte Arbeitsgelegenheiten stehen bei allerhand zur Verfügung. Darüber hinaus arbeiten weitere sechs Personen mit einer Förderung nach §16i SGB II. Das heißt, sie sind bei der Stadtmission Nürnberg e. V. angestellt, werden aber über das Jobcenter finanziert. Auch Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sollen zukünftig durch Zuverdienst-Arbeitsplätze mehr Sicherheit und Struktur erhalten. Eine Sozialpädagogin steht den Mitarbeitenden bei Bedarf jederzeit zur Seite. Carmen B. ist dafür dankbar: »Wir können immer auf sie zugehen, wenn wir mal reden möchten – wo hat man sowas schon?«
— Carmen B., Lagerleitung im allerhandDas hat mir Mut und Impulse gegeben.
Potenzial erkannt
Sechs Stunden täglich arbeitet Carmen B. bei allerhand. Begonnen hat sie vor vier Jahren als Teilnehmerin einer Arbeitsgelegenheit, dann – nach einer krankheitsbedingten Pause – kehrte sie zurück als »16i-lerin«, wie es hier heißt. Erst kürzlich wurde die Maßnahme vom Jobcenter für sie von drei auf die maximal möglichen fünf Jahre verlängert. »Ich bin so dankbar für die Chance«, sagt sie, »wo hätte ich das sonst bekommen in meinem Alter«. Andere gehen in dieser Lebensphase bald in Rente, aber Carmen B. möchte so lange weiterarbeiten, wie es gesundheitlich möglich ist. Als sie bei allerhand angefangen hat, sei sie überrascht gewesen, wie viel Hilfe sie hier erfahren hat. »Alle sind so wertschätzend, das hat mir Mut und Impulse gegeben. Hier heißt es ›wir brauchen dich‹ – mit so einem Lob hatte ich gar nicht mehr gerechnet.«
Die Rumänin zog nach dem Tod ihres Mannes zusammen mit den drei gemeinsamen Kindern von Österreich nach Deutschland. Der gescheiterte Versuch, sich selbstständig zu machen, hat sie psychisch stark belastet. Während der vergeblichen Jobsuche zog sie sich immer mehr zurück. »Ich habe viel Druck gespürt, auch aus meinem Umfeld, und mein Selbstwertgefühl schrumpfte immer mehr.« Umso dankbarer ist sie für die Anerkennung ihrer Arbeit bei allerhand. Schnell hatte man ihr Potenzial und ihre Erfahrung mit Kleidung erkannt und ihr mehr Verantwortung übertragen, nun ist sie Lagerleitung. Als solche sortiert sie die Ware, organisiert den Ablauf und unterstützt neue Mitarbeitende. »Mit den Klamotten bin ich in meinem Element«, schwärmt sie.

Marina N.
gefällt der Kontakt mit den Kunden*innen. Ihre Sprachkenntnisse sind dabei sehr nützlich.
Die geborene Verkäuferin
Ähnlich geht es Marina N. – sie findet man vorne im Laden. Seit 13 Jahren ist die gebürtige Irakerin und alleinerziehende Mutter zweier Kinder schon in Deutschland. Seit einem Jahr arbeitet sie bei allerhand als Verkäuferin. »Das steht dir«, hatte man im Jobcenter vermutet und recht behalten. »Das Team ist sehr nett und ich bin zufrieden.« Die Kunden*innen stünden für sie im Mittelpunkt, erklärt die 34-Jährige, und dabei ginge es nicht nur ums Verkaufen. »Junge Kunden fragen oft nach meiner Meinung. Alte Leute wollen oft noch ein bisschen bleiben und reden.« Nicht selten sind dabei ihre Muttersprache Arabisch und ihre Russischkenntnisse nützlich. »Sie haben es verdient, dass man freundlich ist und sich Zeit nimmt«, findet sie, »und ich helfe gerne«. Bevor sie zu allerhand gekommen ist, hat sie in der Hauswirtschaft für Senioren*innen gearbeitet. Die alten Menschen oft einsam zu sehen, belastete sie sehr. Dass sie wegen ihrer Kinder nur am Vormittag arbeiten kann, gestaltete die Suche nach einer anderen Arbeit schwierig. Ihr Glaube bedeutet Marina N. viel und leitet sie in verschiedenen Lebenslagen. Gott habe ihr das hier geschickt, ist sie sicher. »Die Stadtmission ist ein guter Platz.«
Türöffner und Vermittler
Eine große Hilfe sind die Läden auch für Familien mit wenig Einkommen. »Die Wachstumsschübe der Kinder gehen ganz schön ins Geld«, sagt Amina (Name geändert). Heute hat die 47-jährige Mutter in der Fundgrube der Diakonie Erlangen eine Sommerhose für ihre Große gekauft, »für drei statt 20 Euro, wie in einem normalen Laden«. Auch der Umweltaspekt überzeugt sie: »Man muss ja nichts neu kaufen, das es schon gibt.« Fast jeden Tag, an dem die Fundgrube geöffnet hat, schaut sie auf ihrer Erledigungstour im Viertel kurz rein. »Ich kenne manche Mitarbeitende schon seit der Laden hier 2012 eröffnet hat, das verbindet sehr.« Dass Kunden*innen auch mal zum Reden statt zum Kaufen kämen, sei so gewollt, sagt Susanne Troyer, die die Fundgrube leitet: »Wir sind Türöffner und niedrigschwellige Vermittler an passende Beratungsstellen, wenn nötig.«
Seit einem Bandscheibenvorfall kann Aminas Mann nicht mehr arbeiten. Auch zuhause musste die Familie sich neu organisieren, viel Verantwortung hängt an Amina. Nichtsdestotrotz möchte sie bald »da raus« und meint die Abhängigkeit vom Bürgergeld. »Ich will ja auch ein Vorbild für meine Kinder sein und ihnen zeigen, dass man etwas erreichen kann, wenn man es will.« Ihre Jüngste ist jetzt vier. »Je selbstständiger die Kinder, umso freier bin ich.« Amina ist sichtlich motiviert und schaut zuversichtlich in die Zukunft.
Text: Anna Thiel


