Das Martin-Luther-Haus ist ein Lebens- und Lernort für etwa 200 Kinder und Jugendliche mit psycho-sozialen Problemen. Seit 23 Jahren bietet Ingolf Schmiedel hier nicht nur regelmäßig Freizeitausflüge an, sondern auch Kunsttherapie. Die Kids werden so individuell gefördert und haben wichtige Erfolgserlebnisse.
»Hallo Ingo«

Ingolf Schmiedel
ist Künstler aus Leidenschaft. Allein in der Stadtmission befinden sich Hunderte seiner Bilder.
Wenn man mit Ingolf Schmiedel über das Gelände des Kinder- und Jugendhilfeverbunds Martin-Luther-Haus läuft, kennt ihn fast jeder. »Hallo Ingo«, begrüßen ihn die Kinder. Schmiedel ist Sozialpädagoge mit Zusatzausbildung als Erlebnispädagoge. Als solcher organisiert er für Kinder und Jugendliche aus dem Martin-Luther-Haus regelmäßig Ausflüge. Zum Beispiel zum Klettern oder Kanufahren, aber auch eine Skifreizeit gibt es jedes Jahr. Eine große Leidenschaft des 57-Jährigen ist die Kunst. »Ich male seit meinem zehnten Lebensjahr«, erinnert sich Schmiedel. Seit 23 Jahren bietet er im Martin-Luther-Haus Kunsttherapie an.
Ein sicherer Hafen
Im Martin-Luther-Haus werden die Kinder in der Schule und in ihrer Freizeit gefördert und liebevoll betreut. Die spezialisierten stationären und teilstationären Hilfen sind alle familienergänzend. Für einige bietet das Martin-Luther-Haus auch längerfristig ein stabiles Zuhause. Auf dem weitläufigen Gelände befinden sich große Bäume, ein Bauernhof mit Therapiepferden, vielfältige Gelegenheiten für Sport und Spiel – und Kunst.

In der Kunsttherapie
kann ganz individuell auf die Bedarfe und Interessen der Kinder eingegangen werden.
Die Schatzkammer
Die Hauswand eines nicht mehr genutzten Gebäudes ist großflächig bunt bemalt. Bei einem Social Day haben sich Mitarbeitende gemeinsam mit Ingolf Schmiedel und den Kindern künstlerisch ausgetobt. »Das war nicht ohne«, betont Schmiedel, »wir standen auf einem Gerüst und das Gebäude hat immerhin drei Stockwerke«. Er habe sich hier etwas ausgebreitet, gibt er zu, und meint damit die seiner Schätzung nach rund 300 Bilder, die auf dem Gelände zum Teil aufgehängt sind. Ein weiterer Teil lagert aber in dem besagten leeren Gebäude – eine wahre Schatzkammer.
Die Räume, in denen die Kunsttherapie stattfindet, muten an wie eine Mischung aus Meister Eders Werkstatt und Hogwarts, die Schule für Zauberei. »Die Kinder stehen total auf Harry Potter«, so Ingolf Schmiedel. Locker 50 Zauberstäbe kann man sauber an der Wand aufgehängt bewundern. Sie sind verziert mit Glitzersteinen, haben verschiedene Farben und Formen und manche können auf Knopfdruck sogar blinken. Auf dem ganzen Gelände seien sie »im Einsatz«. Ihr Kern: asiatische Essstäbchen.
— Ingolf Schmiedel, Sozialpädagoge und KünstlerDas hier ist wie ein Schonraum, eine kleine Oase.
Erfolgserlebnisse und individuelle Förderung
Zwischen sechs und 20 Jahre alt sind die Kinder und Jugendlichen, die jede Woche für ein halbes Jahr nachmittags zur Kunsttherapie gehen. Das Ziel seien vor allem Erfolgserlebnisse. »Oft heißt es am Anfang: ›Ich kann das nicht‹, da fehlt das Selbstbewusstsein.« Die Kinder hätten vorher viel Negatives erlebt, Konflikte und Auseinandersetzungen, weiß Schmiedel. »Das hier ist wie ein Schonraum, eine kleine Oase.« Die Kinder könnten einfach runterfahren. Außerdem entscheiden die Kinder weitgehend frei, was sie malen oder basteln wollen. »Natürlich schaue ich immer, was das Kind schon an Ideen mitbringt«, so Schmiedel, »das kann auch nur die Lieblingsfarbe sein«. Aber man müsse schon Hilfe leisten, ein bisschen strukturieren und regulieren. Je nachdem, wie gut etwa die Auge-Hand-Koordination oder das Durchhaltevermögen schon ausgeprägt seien. Manchmal mache es Sinn, erstmal mit Schablonen zu arbeiten oder man inspiriere zur Abstraktion. Selbst beim Action Painting sei weniger manchmal mehr. »Mit zu vielen Farben ist das Bild sonst am Ende einfach braun.«
»Die Konzentration ist das A und O.«
Bei der kreativen Arbeit wird alles andere für eine Weile vergessen, durch den Fokus kommt Entspannung. Ingolf Schmiedel macht es Freude, den Kindern näher zu bringen, wie man etwas Schönes erschafft. Auch die Eins-zu-eins-Betreuung tue den Kids gut, »weil dadurch keine Konkurrenz und Gruppendynamik herrscht, niemand stichelt oder kopiert«. Er werde den Kindern sonst auch nicht wirklich gerecht.
Die fertigen Werke werden meist im eigenen Zimmer im Martin-Luther-Haus aufgehängt oder nach Hause mitgenommen und an die Eltern oder Großeltern verschenkt. »Die Kinder sind stolz zu zeigen, was sie handwerklich geschafft haben – das ist sehr wertvoll.«
Wieder mehr Öffentlichkeit
Früher wurden die Bilder hin und wieder ausgestellt, zum Beispiel bei einer benachbarten Firma, die es leider nicht mehr gebe. »Da haben die Kinder natürlich immer große Augen gemacht, wenn sie gesehen haben, dass die Erwachsenen im Anzug sich für ihre Bilder interessieren.« Tatsächlich wurden beispielsweise bereits Arztpraxen mit Bilderserien ausgestattet. 50 bis 200 Euro kostet ein Werk, je nach Größe. »Dadurch konnten wir sehr gut die Materialkosten decken«, erklärt Schmiedel, »es wäre schön, wenn das wieder häufiger möglich wäre«.
Text: Anna Thiel


