»RUHE – NACH DEM STRESS IM KNAST«

Wenn straffällig gewordene Männer nach der Haftentlassung nicht wissen, wo sie bleiben sollen, ist der »Wendepunkt« ihre Rettung. Hier lernen sie, ein eigenständiges Leben zu führen – abseits von Kriminalität. Seit 50 Jahren hilft die sozial-therapeutische Einrichtung ehemaligen Häftlingen bei der Resozialisierung. Was auffällig ist: Ihre Probleme werden immer komplexer. 

»Ich liebe Kochen«, sagt JOSEF.

Er lebt im »Wendepunkt« und kümmert sich um das Mittagessen für alle Bewohner.

Josef, ein hochgewachsener Mann mit Kochjacke und fein frisiertem Ziegenbart, rührt in einem großen Topf. Metal-Musik schallt durch die Küche. Ein paar Handgriffe noch, dann wuchtet er das Mittagessen auf den Tisch. Es gibt Reissuppe mit frisch aufgebackenem Kräuterbaguette, das Josef gerade noch rechtzeitig aus dem Ofen gezogen hat.

Rund 20 Männer versammeln sich im Souterrain des »Wendepunkts« zum Essen. Gut möglich, dass gleich einer über Josefs Essen meckern wird. »Ich liebe Kochen. Aber allen kann man es nie recht machen«, sagt der 55-Jährige und zuckt mit den Schultern. Wenn einer mault, dann reagiert Josef mittlerweile recht gelassen. »Das habe ich hier gelernt: Gelassenheit und Worte-Ping-Pong.« Also Worte mit mehr Bedacht zu wählen.

Der gelernte Mechaniker lebt zusammen mit 19 anderen Männern zwischen 18 und 67 Jahren im »Wendepunkt.Sozialtherapie« der Stadtmission Nürnberg. Dass die stationäre Einrichtung besondere Anforderungen erfüllen muss, lässt die Videoüberwachung erahnen. Die Klienten haben oft langjährige Haftstrafen hinter sich. Wegen ­Körperverletzung, Sexualdelikten oder Mord. 

Die Männer eint, dass sie kein soziales Netz, keine Familie und erst recht keinen Job mehr haben und nicht wissen, wie sie »draußen« zurechtkommen sollen. Der »Wendepunkt« ist ihre letzte Chance, um ihrem Leben tatsächlich eine Wendung zu geben.

Brigitte Rupp

arbeitet seit 38 Jahren im Wendepunkt - sieben Jahre davon als Einrichtungsleiterin.

»Wir sind das unterste Netz«, sagt Einrichtungsleiterin Brigitte Rupp in aller Deutlichkeit. »Unser ­erstes Ziel ist, Obdachlosigkeit und ­weitere Straftaten zu verhindern.« Klare Strukturen helfen. Die Klienten haben einen eng getakteten Tagesablauf aus Arbeitstherapie, Gruppengesprächen und intensiver sozialpädagogischer Einzelbetreuung. Ein bis vier Jahre bleiben sie hier, die Bezirke tragen die Kosten. Wenn es richtig gut läuft, sind die Klienten am Ende der Sozialtherapie so stabil und selbstständig, dass sie einen Job und eine eigene Wohnung finden.

Schon seit 50 Jahren kümmern sich die Mitarbeitenden im »Wendepunkt« um straffällig gewordene Männer. »In den Anfangsjahren dachte man, da macht man eine WG für Straffällige und dann wird alles gut«, sagt Brigitte Rupp. Ganz 

so einfach sollte es dann doch nicht werden. Das Konzept wurde seitdem professionalisiert und an die Problemlagen angepasst. Die werden immer komplexer: Massive psychische Belastungen treffen auf enorme Probleme im Sozialverhalten, Schulden und Süchte. 

Brigitte Rupp arbeitet schon seit 38 Jahren als Sozialpädagogin im »Wendepunkt«, seit sieben Jahren als Leiterin. Sie strahlt große Ruhe aus und viel Empathie. »Mich berühren die Fälle immer noch«, sagt sie, weil sie immer erst den Menschen und nicht nur den Täter in ihrem Gegenüber sieht. Was sie jedes Mal neu motiviert? »Es ist schön, wenn man das Gefühl hat, wirksam zu sein.«

 

Denn es gibt sie, die Erfolgsgeschichten. Die von Jürgen (Name geändert) zum Beispiel. Vier Jahre lang bewohnte er ein Zimmer im »Wendepunkt«. »Ich wusste damals nicht, wohin.« Mittlerweile lebt der 60-Jährige in seiner eigenen kleinen Wohnung. Kein leichter Weg. »Ich musste erst mal zur Ruhe kommen nach dem Stress im Knast, wo man sich 24 Stunden am Tag beweisen und um seinen Platz in der Hierarchie kämpfen muss.« Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Jürgen diesen Kampf-Modus ablegen konnte.

Der Kontakt zum »Wendepunkt« ist geblieben. Immer donnerstags richtet Jürgen »mit den Jungs« in der einrichtungseigenen Radwerkstatt gebrauchte Fahrräder her. Dienstags hilft er im Hausdienst. Jürgen weiß, wie sich die Klienten fühlen, weil er selbst einer von ihnen war. »Ich versuche ihnen zu vermitteln: Jungs, ihr schafft das auch!« 

Text: Sabine Stoll

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