Im Brennpunkt

Gewalt, Alkohol, Drogen: Der Nürnberger Hauptbahnhof macht regelmäßig Schlagzeilen. Wo täglich Tausende aufeinandertreffen, kommt es immer wieder zu Konflikten. Der Knotenpunkt ist auch Magnet für Obdachlose und Menschen in den unterschiedlichsten Notlagen. Genau hier setzt ein neues Modellprojekt an.

»Der Bedarf ist hoch.«

Die Streetworkerinnen Michelle Jaß (re.) und Annika Zitzmann kümmern sich um obdachlose Menschen im Umfeld des Nürnberger Hauptbahnhofs.

Wenn Michelle Jaß (25) und Annika Zitzmann (25) losziehen, wissen sie nie, wie der Tag verläuft. Sie wissen nicht, wen sie antreffen werden. Sie wissen nicht einmal, ob sie heute willkommen sind. Die beiden Sozial­arbeiterinnen sind seit März und April 2025 als Streetworkerinnen rund um den Hauptbahnhof im Einsatz. Ihre Mission? Sie wollen die Lebenssituation von Menschen verbessern, die kein festes Dach mehr über dem Kopf und oftmals nicht die kleinste Perspektive haben.

Die Streetworkerinnen gehen dabei behutsam vor. Sie drängen sich niemandem auf. Sie dringen nie ungefragt in einen Lebensraum ein, selbst wenn dieser aus eineinhalb Quadratmetern Pappe in der Königs­torpassage besteht. Sie bauen stattdessen langsam Vertrauen zu den Menschen auf, die ein Leben mitten im Zentrum und doch am äußersten Rand der Gesellschaft führen. »Wir fragen erst einmal, ob die Grundbedürfnisse befriedigt sind: Schlafplatz, Essen, medizinische Versorgung«, schildert Jaß. Streetwork als Überlebenshilfe. 

Das Projekt »Bahnhofsläufer*innen« ist auf Initiative der Stadtmission Nürnberg hin an den Start gegangen – mit dem Ziel, den besonderen Bedürfnissen wohnungsloser Menschen gerecht zu werden. Die Stadtmission bietet hier bereits auf vielen Feldern Unterstützung an: 

In der Ökumenischen Wärmestube, in der Bahnhofsmission oder durch Beratung in der Einrichtung »Hilfen für Menschen in Wohnungsnot«. Doch zuletzt machten Sozialarbeiter*innen die Beobachtung, dass manche Menschen selbst von diesen niedrigschwelligen Angeboten nicht mehr erreicht werden und in einer dementsprechend schlechten psychischen und körperlichen Verfassung sind. »Unser diakonischer Auftrag gilt gerade aber auch für diese Menschen«, erklärt Björn Bracher, der für die Sozialen Dienste zuständige Bereichsleiter. 

Zügig auf die Beine gestellt 

Deshalb hoben Bracher und Andreas Bott, Leiter der Hilfen für Menschen in Wohnungsnot, das Streetwork-Projekt »Bahnhofs­läufer*innen« aus der Taufe. Mit großer Unterstützung des Freistaats: Zwei Jahre lang fördert das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales das Modellprojekt im Rahmen des Aktionsplans »Hilfe bei Obdachlosigkeit«. Auch die Diakonie Bayern schießt Mittel zu. »Wir sind sehr dankbar, dass wir das gemeinsam und vor allem so zügig auf die Beine gestellt haben«, so Bracher.

Denn: »Der Bedarf ist hoch. Wir haben jedes Mal gut zu tun«, erzählt Annika Zitzmann. Neulich half sie einem Klienten, einen neuen Ausweis zu beantragen. Ein anderer musste ins Krankenhaus begleitet werden. Wieder ein anderer wurde zu einer Notschlafstelle gebracht. Es sind diese kleinen Erfolge, die für die Streetworkerinnen zählen. »Wenn jemand seit sechs Monaten keine Dusche mehr gesehen hat und es dann doch schafft, zur Straßen­ambulanz zum Duschen zu fahren, dann ist das ein Erfolgserlebnis«, sagt Michelle Jaß.

»Wir wollen die Menschen mit dem bestehenden Hilfesystem verknüpfen«, erläutert Bott. Es gehört zur DNA von Diakonie, niemanden aufzugeben und in seiner Not sich selbst zu überlassen. Es geht darum, das Leben der wohnungs- und obdachlosen Menschen zu stabilisieren, die sichtbare Obdachlosigkeit zu reduzieren und die gegenseitige Akzeptanz von Klienten und Gesellschaft zu fördern. Denn nicht selten sind die Obdachlosen rund um den Hauptbahnhof Passanten ein Dorn im Auge.

Das Konzept der »Bahnhofsläufer*innen« wurde eng mit der Stadt Nürnberg abgestimmt. »Unser Wunsch wäre es, dass die Finanzierung nach den ersten beiden Jahren von der Stadt übernommen wird«, so Bereichsleiter Bracher.

Die Streetworkerinnen Zitzmann und Jaß ernten bereits die Früchte ihrer Arbeit. Innerhalb weniger Wochen haben sie Hunderte Gespräche geführt und dabei gut 250 Menschen erreicht. Und Vertrauen aufgebaut.

Text: Sabine Stoll

 

Jetzt spenden