»Sie hatten plötzlich eine Stimme«

Das Jahr 1975 war ein Wendepunkt im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen. Damals erschien der vom Bundestag beauftragte »Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland«. Auf 430 Seiten beschrieben die Verfasser*innen in der »Psychiatrie-Enquete« ungeschönt »elende, zum Teil menschenunwürdige« Zustände in psychia­trischen Anstalten. Die Veröffentlichung erregte viel Aufsehen und läutete einen nachhaltigen Wandel in der Behandlung Betroffener ein – zum Positiven, wie Anke Triebel im Interview bestätigt. Die Diplom-Sozialarbeiterin leitet bei der Stadtmission Nürnberg e. V. den Bereich Seelische Erkrankungen, Autismus und Sucht. Eine vielseitige Tätigkeit.

Anke Triebel

leitet den Bereich Seelische Erkrankungen, Autismus und Sucht bei der Stadtmission. Sie ist sich sicher, dass die 430 Seiten der »Psychiatrie-Enquete« den Weg dafür geebnet haben, dass psychisch kranke Menschen ein normaler Teil unserer Gesellschaft wurden.

Frau Triebel, kennen Sie den Film »Einer flog übers Kuckucksnest«?

Anke Triebel: Selbstverständlich. Mit Jack Nicholson.

Der Film spielt in einer »psychia­trischen Heilanstalt«. Die Menschen dort werden von einer despotischen Oberschwester und ihren willfährigen Helfern mit Elektroschocks misshandelt und mit Medikamenten ruhiggestellt. Muss man sich so den Alltag in Einrichtungen für psychisch kranke Menschen bis zum Jahr 1975 vorstellen?

Triebel: Naja, zumindest wurden psychisch Kranke von gesunden Menschen separiert. Sie wurden meist irgendwo auf dem Land in großen Anstalten buchstäblich »verwahrt«. Es gab riesige Schlafsäle und quasi keinerlei Privatsphäre. Viele Angebote des regulären Gesundheitssystems wurden ihnen schlicht nicht zugestanden. Hauptsache, sie waren von der Bildfläche verschwunden. 

Ähnlich beschrieb damals die Psychiatrie-Enquete die Zustände. Darin ist die Rede von »elenden, zum Teil menschenunwürdig zu bezeichnenden Umständen« in den Einrichtungen. Was änderte sich nach der Veröffentlichung des Berichts?

Triebel: Die Enquete hat den Weg dafür geebnet, dass psychisch kranke Menschen zu einem normalen Teil unserer Gesellschaft wurden. Es fanden gezielte Kampagnen zur Aufklärung statt, Selbsthilfegruppen gründeten sich. Betroffene wurden ermutigt, sich zu Wort zu melden – sie hatten plötzlich eine Stimme.

Und was geschah in den Einrichtungen?

Triebel: Seelisch und körperlich Kranke wurden gleichgestellt. Menschen mit psychischen Erkrankungen wurden dann beispielsweise auf psychiatrischen Stationen in »normalen« Kliniken behandelt. Anstalten auf dem Land wurden aufgelöst, man schwenkte um auf eine gemeindenahe Psychiatrie. Dabei entstanden unter anderem Sozialpsychiatrische Dienste oder das Ambulant Betreute Wohnen. Erkrankte lebten endlich in eigenen Wohnungen, hatten Kontakt zur Gesamtgesellschaft. Später wurden dann zum Beispiel auch psychia­trische Tageskliniken eröffnet. All dies geschah auch mit dem Ziel der Entstigmatisierung.

 

Auch bei der Stadtmission entstanden nach der Psychiatrie-Enquete zahlreiche neue Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Triebel: Ja, heute ist unser Ange­bot sehr weitreichend. Von der niederschwelligen Beratung über Tagesstruktur und Arbeit bis hin zu Einrichtungen, in denen Menschen auf verschiedenste Weise im Wohnen begleitet werden. An unseren zwei Standorten der OASE finden Menschen beispielsweise (wieder) zu einer festen Tagesstruktur. Mit unserem Sozialpsychiatrischen Dienst beraten wir sie sowie ihre Freunde und Angehörigen. Im Ambulant Betreuten Wohnen führen sie mit Unterstützung einer aufsuchenden Assistenz ein selbstbestimmtes Leben. Im Maria-Augsten-Haus leben Menschen in Wohngruppen zusammen. Wir helfen jungen Menschen zwischen 14 bis 21 Jahren in unse­rer psychiatrischen Jugend-Reha. Im Marianne-Leipziger-­Haus lernen Rehabilitanden, ihren Alltag wieder selbstständig zu meistern. Ich kenne keinen Träger in Nürnberg, der im Bereich seelische Erkrankungen so breit aufgestellt ist wie die Stadtmission.

In der jüngeren Vergangenheit kam es zu mehreren Anschlägen in Bayern, wir erinnern uns an Aschaffenburg und München. Es wurde berichtet, die Täter seien psychisch krank. Welche Lehren sollte die Politik daraus ziehen?

Triebel: Angebote für psychisch Kranke sollten vernünftig finanziert und niedrigschwellig und durchlässig gestaltet werden. Wer psychisch kranken Menschen hilft, dient damit letztendlich der gesamten Gesellschaft. Das belegen auch verschiedene Statistiken. Laut dem im Januar 2025 erschienenen zweiten bayerischen Psychiatriebericht kommt es deutschlandweit bei der Hälfte aller Menschen im Laufe eines Lebens zu einer klinisch relevanten psychischen Störung. Trotzdem werden Gewalttäter oft mit psychisch Kranken gleichgesetzt – und umgekehrt. Wir sollten nicht stigmatisieren und verurteilen, sondern unterstützen.

Interview: Alexander Reindl

 

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