Wer eine Gewaltstraftat begangen hat, insbesondere eine Sexualstraftat, hat schnell seinen Stempel weg. Mit dieser Gruppe will der Großteil der Gesellschaft am liebsten nichts zu tun haben. Genau dieser Menschen nimmt sich die Stadtmission Nürnberg an. Seit 15 Jahren werden in der Psychotherapeutischen Fachambulanz straffällig gewordene Menschen therapiert – und so vor einem Rückfall bewahrt.
Therapie ist Opferschutz

NICOLA BUCHENADAM,
eine der beiden Leiterinnen der Psychotherapeutischen Fachambulanz, während ihrer Rede beim Festakt zum 15-jährigen Bestehen.
Der typische Klient ist männlich und in seinen mittleren Jahren. Klaus Müller (Name geändert) passt genau in dieses Raster. Seine sexuelle Neigung habe sich früh gezeigt, erzählt er in der Fachambulanz. Seine Neigung? Junge Mädchen, noch Kinder.
»Ich war nie in Gefahr, einen Übergriff zu begehen«, betont er. Stattdessen lud er sich kinderpornografische Bilder und Videos aus dem Internet herunter. Einschlägige Links fand er in Chatforen im Darknet. »Mir war immer bewusst, dass das falsch ist«, sagt er. »Aber ich habe das separiert.« Sein Kinderporno-Konsum ging mit exzessivem Drogenkonsum einher. »Koks, LSD, Pilze, Crystal, Speed, Alkohol … Ich könnte leichter aufzählen, was ich nicht genommen habe.«
Klaus Müller verlor die Kontrolle, so sieht er das heute selbst. Erklärtes Ziel einer Therapie in der Psychotherapeutischen Fachambulanz ist es, genau diese Kontrolle wiederzuerlangen.
Seit über 15 Jahren kümmert sich die Stadtmission Nürnberg erfolgreich um Menschen, die Sexualstraftaten begangen haben. Fünf Jahre nach dem Start wurde dieses wichtige Angebot um Therapieangebote für Klienten ergänzt, die schwere Gewaltstraftaten verübt haben und ein erhöhtes Risiko mitbringen, rückfällig zu werden. Betreuten anfangs zwei Psychologen*innen die Klienten, ist die Einrichtung mittlerweile auf zehn Vollzeit-Stellen mit therapeutischem Personal angewachsen.
Und das aus gutem Grund: »Der Bedarf ist in den vergangenen Jahren gestiegen, aber auch die gesellschaftliche Akzeptanz unserer Arbeit ist gewachsen«, bilanziert Nicola Buchen-Adam, eine der beiden Leiterinnen, anlässlich des 15-jährigen Jubiläums. »Die Relevanz psychotherapeutischer Interventionen bei straffällig gewordenen Personen ist heute zum Glück anerkannt«, fährt Einrichtungsleiterin Dr. Miriam Kolter fort.
Vor allem auf gerichtliche Weisung hin – im Rahmen von Führungsaufsicht oder Bewährung – suchen die überwiegend männlichen Klienten die Fachambulanz auf. Insgesamt haben sich seit der Gründung rund 1.600 Menschen aus dem ganzen Oberlandesgerichtsbezirk Nürnberg dort vorgestellt. Um die Anfahrtswege für Hilfesuchende aus der Oberpfalz zu verkürzen, wurde 2020 eine Zweigstelle in Regensburg eröffnet – immer in enger Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Justizministerium, das die qualifizierte forensisch-therapeutische Begleitung von straffällig gewordenen Menschen finanziert.

DR. MIRIAM KOLTER,
eine der beiden Leiterinnen der Psychotherapeutischen Fachambulanz, betonte in ihrer Rede, dass die Rückfallquote bei Gewalt- und Sexualstraftaten durch Behandlung deutlich reduziert wird.
Das multiprofessionelle Team aus Psychologen*innen und Sozialpädagogen*innen der Fachambulanz unterstützt die Klienten bei ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Beim Festakt mit Fachtag zum Jubiläum im Oktober 2024 würdigte Wilfried Krames, Ministerialdirigent im Bayerischen Staatsministerium der Justiz, genau diese Arbeit und hob deren Bedeutung hervor: »Wir blicken heute zurück auf 15 Jahre erfolgreiche Präventionsarbeit der Psychotherapeutischen Fachambulanz in Nürnberg. Eine erfolgreiche Therapie der Täter ist der zuverlässigste Schutz vor Wiederholungstaten.«
Dieser Erfolg ist messbar und in Studien beschrieben: »Die Rückfallquote bei Gewalt- und Sexualstraftaten wird durch Behandlung um circa 30 Prozent reduziert«, betont Dr. Kolter.
Klaus Müller, ehemaliger Klient der Fachambulanz, hat seine Pädophilie heute im Griff. »Seit ich das letzte Mal hier war – und das ist über ein Jahr her – hatte ich keinen Kontakt mehr zu Kinderpornografie.« Er hat inzwischen geheiratet und lebt in stabilen Verhältnissen. »Meine Neigung ist dank Therapie zum Glück nicht mehr präsent in meinem Leben.«
Text: Sabine Stoll


