»Ein Lebensretter«

Von der Flüchtlingsunterkunft zum festen Job: Das haben Kleylver Alexander Contreras Moreno, Sandro Baro Llins und Süleyman Berk Caylak geschafft. Über ihr ehrenamtliches Engagement bei der AIDS-Beratung fanden sie einen Ausbildungsplatz – und damit eine Perspektive fürs Leben.

SARAH ARMBRECHT,

Leiterin der AIDS-­Beratung, mit den Ehrenamtlichen Süleyman Berk Caylak, Sandro Baro Llins, Kleylver Alexander Contreras Moreno (v. l.) und Mitarbeiterin Nicole Ziwitza (Mitte).

Wenn man Sandro Baro Llins reden hört, kann man sich schwer vorstellen, dass es da auch diese andere Seite gibt: die niedergeschlagene, wenig hoffnungsvolle, diese deprimierte Seite. Denn Baro Llins strahlt beim Erzählen und sprüht vor Optimismus, wenn er seinen Weg schildert. Der führte ihn von Kuba nach Nürnberg und mündet im September in eine Ausbildung zum Erzieher.
 
Baro Llins (32) kam vor zwei Jahren als Geflüchteter in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Zirndorf unter. Hier angekommen, stand Llins erst einmal vor dem Nichts. Für den studierten Soziologen gab es keinen erkennbaren Plan, wie die Zukunft aussehen könnte. Dass er in dieser Situation in Zirndorf den Mitarbeiterinnen der AIDS-Beratung über den Weg lief, sollte sich als Riesenglück entpuppen. Als »Lebensretter«.

Die »Lebensretterinnen« heißen Sarah Armbrecht, Leiterin der AIDS-Beratung der Stadtmission Nürnberg, und Nicole Ziwitza, die dort die Arbeit der Ehrenamtlichen koordiniert. Ehrenamtliche? »Wir brauchen fortlaufend Ehrenamtliche, die für uns übersetzen«, erläutert Armbrecht. Die speziell geschulten Freiwilligen begleiten die Hauptamtlichen in Flüchtlingsheime, unterstützen Klientinnen und Klienten bei Arzt- oder Beratungsterminen und tun vor allem eines: Sie räumen Sprach- und Kulturbarrieren aus dem Weg. »Ob die Mitteilung der HIV-Diagnose, die Begleitung zu Arztterminen oder auch Info-Veranstaltungen, ohne Ehrenamtliche würde die Arbeit der Beratungsstelle nicht so wirksam ankommen«, sagt Armbrecht.

 

Armbrecht und Ziwitza konnten den Kubaner als Dolmetscher für die AIDS-Beratung gewinnen. Für ­Sandro Baro Llins war das das Sprungbrett: raus aus der erzwungenen Passivität hin zu einer sinn­erfüllten Aufgabe. »Es ist wichtig, beschäftigt zu sein. Es ist eine gute Möglichkeit, die Sprache und die Menschen kennenzulernen«, sagt er und strahlt erneut. Das sehen auch Kleylver Alexander Contreras ­Moreno (20) und Süleyman Berk Caylak (27) so, die ebenfalls als ­Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, aus Venezuela und der Türkei, und sich nun ehrenamtlich bei der AIDS-Beratung engagieren. 

32 Ehrenamtliche unterstützen die AIDS-Beratung. »Die Freiwilligen müssen diskret und zugleich offen für unterschiedlichste Lebensentwürfe und Identitäten sein. Sie sollten bereit sein, sich in die komplexe Materie der sexuellen ­Gesundheit einzuarbeiten und ihr Vokabular entsprechend zu erweitern. Schließlich handelt es sich nicht nur um technische Übersetzungen, sondern um das Übermitteln von Emotionen – Verzweiflung, Wut und Angst sind oft Begleiter, wenn Menschen von ihrer HIV-Diagnose erfahren«, schildert Armbrecht.

Die drei jungen Männer, die Sarah Armbrecht und Nicole Ziwitza in Zirndorf als Ehrenamtliche gewinnen konnten, bringen genau das mit: Empathie, Vorurteilsfreiheit und Einsatzbereitschaft. Und Interesse am Unternehmensverbund aus Stadtmission Nürnberg und Diakonie Erlangen. »Sie sind in all ihrer Vielfalt in der Diakonie willkommen«, fährt Armbrecht fort. Gleichzeitig sind sie selbst eine Bereicherung für den Verbund – was am Ende manchmal sogar zu einem Dienstvertrag führen kann.

»Wir haben ein wenig gekuppelt«, erzählt Ziwitza und lacht. Die Sozialpädagogin hat beim Karl-Heller-Stift angeklopft und mit diesem prompt den richtigen Partner für Kleylver Alexander Contreras Moreno und Süleyman Berk Caylak gefunden. Beide absolvieren dort aktuell ein Praktikum. Im Herbst starten sie nach erfolgreicher Sprachprüfung eine Ausbildung in der Pflege. Caylak, der in der Zwischenzeit auch bei der Migrationsberatung der Stadtmission Nürnberg gedolmetscht hat, freut sich darauf: »Ich liebe Zuhören. Die alten Menschen haben wirklich etwas zu erzählen.«

Auch Contreras Moreno freut sich auf die Ausbildung im Karl-Heller-Stift in Röthenbach a. d. Pegnitz. Denn: »Du kannst nicht schlafen gehen, bevor du eine Sache am Tag gut gemacht hast.«

Sandro Baro Llins war indes als Schulbegleiter im Einsatz. Im September beginnt er in einem evangelischen Kindergarten eine Ausbildung zum Erzieher. Vielleicht ja ein Job fürs Leben.

Text: Sabine Stoll