»Alles war tot in mir«

Frauen trinken anders. Sie tun es versteckt. Oft greifen sie zur Flasche, um im Alltag weiter funktionieren zu können und Stress abzubauen. Doch dann kommt die Scham, irgendwann macht auch der Körper nicht mehr mit. In der Frauenberatung des Suchthilfezentrums finden betroffene Frauen Hilfe, die ganz auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist.

Die Sozialpädagoginnen

IRENE ZINS (li.) und HILDEGARD LEIDEL bieten speziell für suchtkranke Frauen Beratung an.

Anfangs waren es abends ein oder zwei Gläschen Sekt, irgendwann waren es zwei Flaschen am Tag. Als auch das nicht mehr reichte, »bin ich umgestiegen auf was Härteres. Morgens habe ich eine Dose Wodka Lemon gebraucht, um überhaupt 
in den Tag zu kommen.« Zwölf Jahre lang ging das heimlich so, bis Martina Gebhards (Name ­geändert) Körper nicht mehr mitspielen wollte. Selbst dann mochte sich die ­Nürnbergerin noch niemandem offen­baren. Sie schleppte sich allein in die Notaufnahme einer Klinik. Gerade noch rechtzeitig.

»Von dem Tag an war klar: Ich trinke keinen Alkohol mehr.« Und es war offensichtlich, dass sie Unterstützung brauchte auf ihrem Weg aus der Sucht. Nach ihrem Klinikaufenthalt meldete sich Martina Gebhard bei Hildegard Leidel im Suchthilfe­zentrum der Stadtmission. »Das war lebensrettend für mich«, sagt Gebhard heute. »Ich bin der Stadtmission so dankbar. Ich musste mich endlich nicht mehr schämen. Ich konnte Frau Leidel Dinge erzählen, die ich mit noch niemandem besprochen hatte.«

Die Sozialpädagoginnen ­Hildegard Leidel und Irene Zins bieten psycho­soziale Beratung speziell für suchtkranke Frauen an. Denn: »Frauen trinken anders als Männer. Oft länger und unauffälliger – oft aus dem Motiv heraus, funktionieren zu müssen«, beobachtet Leidel. Während Männer häufiger aus sozialen Gründen trinken, sind die Motive von Frauen oft mit den Anforderungen verknüpft, die an sie gestellt werden: »Frauen müssen immer noch mehr Ansprüche erfüllen als Männer: Sie sollen erfolgreich sein im Beruf, gute Mütter und sexy Ehefrauen, dazu schlank und sportlich. Und alles, was sie tun, wird bewertet.«

Auch Gebhard spürte diesen Druck. »Ich wollte gut sein in allem. Ich wollte gemocht werden.« Trotz ihrer Suchterkrankung ging die zweifache Mutter bis zum letzten Tag pflichtbewusst ihrem Beruf nach. Sie managte die Familie, Haus und Garten waren tipptopp gepflegt. Die Fassade glänzte, doch in ihr sah es dunkel aus. »Ich konnte mich selber nicht mehr spüren. Alles war tot in mir.«

»Bei Frauen dauert es oft länger als bei Männern, bis sie sich zu einer Therapie oder einer anderen Maßnahme entschließen, weil sie so stark eingebunden sind im Alltag«, beobachtet Irene Zins. Auch Gebhard hielt jahrelang an einem Lebensentwurf fest, der schon lange nicht mehr zu ihr passte. »Ich habe ausgehalten wegen der Familie und meiner Ehe, die längst keine mehr war.« 

Unsichtbare Sucht 

Sie erzählt offen von ihrer Erkrankung. Wüsste man es nicht: Man würde es der 61-Jährigen nicht ansehen, dass sie jahrelang alkoholabhängig war. Die Klientinnen der Frauenberatung sind denn auch komplett verschieden: In der Nachsorge-Gruppe nehmen gut ausgebildete und beruflich erfolgreiche Frauen neben Frauen Platz, die im Moment auf Grundsicherung angewiesen sind. Manche haben Gewalt erlebt.

Allen ist gemeinsam, dass ihnen das Suchthilfezentrum dabei hilft, einen Weg zu finden, der ihre ­Situation verbessert und stabilisiert. Im Gespräch, bei der Nachsorge nach Therapien und mit ganz konkreten Dingen wie der Hilfe bei Anträgen an Kostenträger. 

Schon seit mehr als 25 Jahren gibt es im Suchthilfezentrum ein spezielles Angebot für Frauen, seit 2019 sind Leidel und Zins für Klientinnen da. Damit auch Mütter mit Kindern kommen können, gibt es sogar Kinderbetreuung. Manchmal dauert der Kontakt nur ein paar Stunden, manchmal begleiten die Sozialpädagoginnen Klientinnen über Jahre. »Ich finde es faszinierend, wie die Frauen es schaffen, ihre Gewohnheiten zu ändern und wie sie ihren Weg meistern«, sagt Zins. »Das motiviert mich.«

Auch Martina Gebhard ist wieder angekommen in ihrem Leben. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt und lebt mittlerweile in einer neuen Beziehung. »Es ist so schön, wieder Gefühle zu spüren. Und bald werde ich Oma. Ich werde eine nüchterne Oma sein.«

Text: Sabine Stoll

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