»Ich trau’ mich wieder was!«

Die Stadtmission Nürnberg bietet Menschen mit psychischen Erkrankungen ein breites Spektrum an Hilfen. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei die »Assistenz zum Wohnen« – vielen unter dem gängigeren Namen »Betreutes Wohnen« bekannt. Das Angebot schließt die Lücke zwischen stationärer Rehabilitation und einem selbstständigen Leben in der eigenen Wohnung. Svenja, Alexander und Sina (letzter Name geändert) erzählen, wie ihnen das Betreute Wohnen hilft.

»Hier wird man ernstgenommen«

Sina (Name ­geändert), Sozialpädagogin ­Ellen Vester, ­Alexander, Svenja und ­Einrichtungsleiter ­Stefan Lippert (v. l.)

Wer Alexander heute erlebt, ­würde kaum vermuten, welchen Herausforderungen er sich über viele Jahre stellen musste: Dass der heute 44-Jährige an einer starken Angststörung erkrankt ist und vor allem soziale Ängste sein Leben massiv eingeschränkt haben. Viele Menschen, noch dazu auf engem Raum – allein die Vorstellung versetzte ihn in Panik. Zusätzlich leidet Alexander unter einer Suchterkrankung und ADHS.

Heute sitzt Alexander gemeinsam mit Svenja und Sina am großen Tisch im gemütlichen Gemeinschaftsraum des Betreuten Wohnens (Bewo) am Berliner Platz. Er habe zwei Langzeittherapien und einen Aufenthalt in einer Entzugsklinik hinter sich, sagt er. Mittlerweile lebt er in einer eigenen Wohnung und meistert seinen Alltag, auch wenn ihn immer wieder Zukunftssorgen plagen. »Aber ich bin viel offener geworden.« Alexander sei sehr sozial und kümmere sich um andere. So beschreiben ihn seine Mit-Klienten*innen.

Seit 25 Jahren finden psychisch erkrankte Menschen im Bewo der Stadtmission Halt und Hilfe im Alltag. Im März 2001 wurden die verschiedenen Wohngemeinschaften und das betreute Einzelwohnen, die zuvor an unterschiedliche Einrichtungen der Stadtmission angegliedert waren, unter einem Dach zusammengeführt. Unter der Leitung von Mario Wagenbrenner entstand damals eine eigenständige Einrichtung, deren Konzept seitdem kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Heute kümmert sich ein interdisziplinäres Team aus Sozialpädagogen*innen, Heilerziehungspflegern*innen, Genesungsbegleitern*innen oder Mitarbeitenden der Hauswirtschaft um fast 200 Klienten*innen.

Individueller Ansatz

Voraussetzung für die Aufnahme ist eine Kostenübernahme durch den Bezirk. Dafür müssen ein Sozial­bericht sowie eine ärztliche Maßnahmenempfehlung eingereicht werden. Was danach folgt, ist stets individuell. »Es gibt kein Strick­muster, das für alle passt«, sagt Einrichtungsleiter Stefan Lippert. Das Bewo-Team versucht stattdessen herauszufinden, was jede*r einzelne*r genau braucht. Das kann Hilfe im Haushalt sein, im Umgang mit Behörden, bei Arztbesuchen, beim Aufbau sozialer Kontakte und natürlich im Krisenfall. 

Wie wertvoll diese Begleitung ist, beschreibt Sina eindrücklich. Seit 2019 wird die heute 60-Jährige von der Stadtmission unterstützt. Die zweifache Mutter erkrankte vor vielen Jahren schwer. Heute erhält sie Hilfe im Haushalt, zudem wird sie einmal pro Woche von einer Sozialpädagogin besucht, mit der sie aktuelle Herausforderungen bespricht.

»Es ist so beruhigend zu wissen, dass jemand da ist und mich unterstützt«, sagt Sina. »Wenn ich nicht die Perspektive mit dem Bewo gehabt hätte, weiß ich nicht, ob es mich heute noch geben würde.«

Das Bewo hilft ihr auch aus der Einsamkeit. Sina genießt die Opern- und Theaterbesuche, die Sozial­pädagogin und Bewo-Mitgründerin Ellen Vester neben vielen anderen Gruppen- und Freizeitaktivitäten organisiert.

Das Bewo-Team arbeitet eng mit anderen sozialen und medizinischen Einrichtungen in Nürnberg zusammen. Ziel ist es, Menschen mit seelischen Erkrankungen dabei zu unterstützen, ihren Alltag möglichst eigenständig zu gestalten und neue Perspektiven für ihre Zukunft zu entwickeln. »Oft geht es gar nicht um Heilung, sondern um den Erhalt des Status quo«, sagt Lippert.

Das kann Svenja bestätigen. Svenja litt unter starker Bulimie, einer Posttraumatischen Belastungsstörung und einer Angsterkrankung. »Vor dem Bewo war ich jedes Jahr drei bis vier Mal in der Klinik«, sagt die 62-Jährige. Seit Jahren lebt Svenja nun schon mit Unterstützung des Bewos selbstständig in einer kleinen Wohnung. »Dass ich seitdem nicht mehr in der Klinik war, ist der größte Erfolg, den es für mich gibt.«

Svenja steht wieder stabil im ­Leben. Was sie am Bewo besonders schätzt? »Hier wird man ernstgenommen.« Augenhöhe ist das Prinzip. Es wird nichts übergestülpt, das Team kommt nicht mit einfachen Lösungen ums Eck. Es geht darum, die Eigeninitiative zu stärken.
 
In den vergangenen Jahrzehnten habe sich die Versorgung psychisch erkrankter Menschen deutlich verbessert, sagt Lippert. Auch das gesellschaftliche Verständnis sei gewachsen. Dennoch sieht der Sozialpädagoge weiterhin Handlungsbedarf. Menschen mit psychischen Erkrankungen hätten noch immer nicht die Lobby, die sie benötigten.

Das sieht auch Svenja so. Deshalb will sie für den Behindertenrat der Stadt Nürnberg kandidieren, um sich für Menschen mit seelischen Erkrankungen einzusetzen. Um diese sichtbar zu machen: »Ich trau’ mich wieder was«, sagt sie. 

Text: Sabine Stoll 

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