Ein Jubiläum, das überflüssig sein sollte

Seit 30 Jahren rettet die Tafel Erlangen Lebensmittel und hilft damit bedürftigen Menschen. Zum Jubiläum feiert die Einrichtung besonders das unermüdliche Engagement ihrer zahlreichen Ehrenamtlichen und Spender*innen. Und stellt die existenzielle Frage: Sollten wir nicht lieber überflüssig sein? 

Für die Ehrenamtliche  Mathilde Riedl 

ist die Tafel seit 30 Jahren »eine zweite Heimat«.

Ein Biertisch, ein paar Kartons und eine Handvoll Studierende stehen auf dem Parkplatz vor dem Diakonie-Gebäude. Mit dabei ist auch Mathilde Riedl. Die gebürtige Schwäbin sortiert das Gemüse in den Kisten, ist leicht nervös. Ob die Paprikas heute gefragt sind? Ob sich für den Brokkoli Abnehmer finden werden? Ob überhaupt jemand kommt? Riedl und ihre Mitstreiter*innen wissen es nicht. Woher auch: Es ist das erste Mal, dass sie Lebensmittel an Bedürftige ver­teilen. Und es ist die Geburtsstunde der Tafel Erlangen im Jahr 1996.

30 Jahre später ist die Arbeit der Einrichtung wichtiger denn je. Rund 3.500 Menschen unterstützt die Tafel in der Stadt Erlangen und dem Landkreis Erlangen-Höchstadt – Tendenz steigend. »Als ich im ­Januar 2021 bei der Tafel eingestiegen bin, lag ihre Zahl noch bei 1.600«, erinnert sich Leiter Johannes Sikorski. Seitdem ist viel passiert, Sikorski nennt beispielhaft den Ukraine-Krieg. Aber auch die Altersarmut habe massiv zugenommen. »Zu uns kommen viele Senior­innen und Senioren, die über 40 Jahre ins Sozialsystem einbezahlt haben. Und jetzt reicht ihre Rente hinten und vorne nicht zum Leben.«

Was den engagierten Tafel-Leiter außerdem umtreibt, sind die zahlreichen von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen: »32 Prozent unserer Tafel-Kundinnen und -Kunden sind jünger als 18 Jahre.« In Erinnerung geblieben ist ihm auch ein Familienvater, der in Vollzeit arbeitet, während seine Frau sich um die drei Kinder kümmert. »In seiner alten Heimat war der Mann Ingenieur. Hier verdient er nun trotz Arbeit zu wenig, um seine Familie zu ernähren.«

Gute Gemeinschaft

Solche Schicksale gehen an die Nieren. Auch den 170 Ehrenamtlichen, die sich für die Tafel Erlangen engagieren. Trotzdem ist die Stimmung in den vier Ausgabestellen in Erlangen, Büchenbach, Herzogenaurach und Baiersdorf gut. Die Helfer*innen scherzen, umarmen sich, erzählen von ihren Wochenenden und den neuesten Streichen der Enkelkinder. »Diese gute Gemeinschaft ist der Kern der Tafelarbeit. Und ohne bürgerschaftliches Engagement sowie die zahlreichen Spenderinnen und Spender würde die Tafel in Erlangen nicht funktionieren«, betont Björn Bracher, Bereichsleiter für Hilfen in besonderen Lebenslagen bei der Stadtmission Nürnberg.
 
Auch Mathilde Riedl schätzt die Gemeinschaft bei der Tafel. Eigentlich logisch – hielte sie der Einrichtung sonst bereits seit 30 Jahren als Ehrenamtliche die Treue? »Die Tafel ist eine zweite Heimat für mich«, nennt sie einen der Gründe für ihren Einsatz. Auch wenn sich die Räumlichkeiten der Tafel nach zwei Umzügen stark verändert haben, ist Riedls Motivation noch dieselbe: »Von Anfang an hatte ich zwei Ziele: Lebensmittel retten und Arme unterstützen.« 

Mit Blick auf das erste Ziel liefert ­Sikorski beeindruckende Zahlen: Zehn bis 15 Tonnen Gemüse und Gebäck, Nudeln und Naschereien holen die Mitarbeitenden der Tafel Erlangen jede Woche bei Supermärkten ab. So recht freuen will sich der Einrichtungsleiter trotzdem nicht: »Das ist zwar viel, aber tendenziell erhalten wir leider immer weniger Ware.« Das habe auch mit optimierter Lagerplanung im Einzelhandel zu tun, die dafür sorgt, dass insgesamt weniger Lebensmittel zu verfallen drohen. Demgegenüber stehen immer mehr Menschen, die auf die Ausgabestellen der Tafel angewiesen sind – eine schwierige Situation.

Hat das Tafel-Team angesichts dieser Herausforderungen überhaupt Lust, das Jubiläum zu feiern? »Ja, wir feiern«, stellt Sikorski klar. ­»Allerdings mit einem weinenden Auge, weil die Tafeln noch immer unverzichtbar sind.« Dem stimmt Bracher zu und fordert: »Wir wünschen uns, dass der Staat seiner Verantwortung gegenüber armutsbetroffenen Menschen stärker nachkommt, anstatt sie auf ehrenamtliche Strukturen wie die Tafeln zu verweisen. Ernährung ist ein Grundbedürfnis – langfristig sollten Tafeln überflüssig sein.«

Text: Alexander Reindl   
 

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