Wo ­musizierende Hennen für innere Ruhe sorgen…

Stur ist Max eigentlich nicht. Nur ein bisschen ängstlich. Argwöhnisch legt der Esel die Ohren an, wenn man auf ihn zugeht, und läuft ein paar Schritte rückwärts. Nur bei Sophie entspannt sich der Vierbeiner. »Max hat nicht so viel Angst vor mir. Er weiß, dass ich ihn immer an seinen Lieblingsstellen streichle«, erzählt die Elfjährige.

Mit ihren Tieren stärkt Sozialpädagogin

Brigitte Jacobi auf dem Jugendbauernhof das Selbstwert­gefühl der Kinder.

Seit mehr als zwei Jahren lebt Sophie im Martin-Luther-Haus. Der Alltag ist für sie nicht immer einfach. Wenn man so eng mit vielen anderen Menschen zusammenlebt, gibt es immer wieder mal Stress und Streit – das geht nicht spurlos an Sophie vorbei. Zur Ruhe kommt sie, wenn sie den kurzen Weg zum Jugendbauernhof einschlägt. Fast täglich schaut sie dort vorbei, besucht Max und seinen Artgenossen Thorin, Pony Bonny, Hündin Cindy, die Ziegen und Hühner, Meerschweinchen und Kaninchen. Selbst dem häufig schlecht gelaunten Anton, einem stattlichen Eber, sagt sie regelmäßig »Hallo«. »Es ist einfach schön bei den Tieren«, strahlt Sophie. »Ich habe eine gute Zeit mit ihnen. Das tut ihnen und mir gut.«

Auch Brigitte Jacobi nimmt das wahr. Die Sozialpädagogin hat eine Weiterbildung zur Fachkraft für Tiergestützte Intervention absolviert und ist Mitarbeiterin des großen Jugendbauernhofs auf dem Areal des Martin-Luther-Hauses. »Häufige Konflikte in Sophies Alltag schaffen Frust und das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Auf unserem Bauernhof fühlt sie sich hingegen gut genug und richtig«, sagt Jacobi. Hier erlebe sie weniger Konflikte, sei wirksam und wichtig, einfach im »Flow«. ­»Sophie fällt es bei uns leichter, sich an Regeln und Absprachen zu halten. In der Wohngruppe ist das nicht immer so.«

Das Beispiel Sophie zeigt, wie Tiergestützte Intervention funktioniert. Tiere werden gezielt eingesetzt, um die Lebensqualität von Menschen zu verbessern – etwa durch direkten Kontakt. So unterschiedlich die Kinder und ihre Bedürfnisse sind, so verschieden sind auch die konkreten Maßnahmen, die Jacobi und ihr Team anwenden. »Die Kinder füttern und putzen die Tiere etwa. Dabei übernehmen sie im Team Verantwortung und lernen, dass Zuverlässigkeit wichtig ist«, erläutert die Sozialpädagogin. Das klappt erstaunlich gut und wirkt sich positiv auf die Entwicklung der jungen Helfenden aus: »Die Kinder wechseln aus ihrer Rolle als Versorgte in die der Versorgenden. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl.« 

Aber auch andere Ziele verfolgt die Tiergestützte Intervention. Planen die Kinder beispielsweise einen Hindernisparcours für Hündin Cindy, müssen sie zunächst eine Beziehung zu ihr aufbauen. Sie lernen, sich in das Tier hineinzuversetzen: Schafft Cindy die Hürden? Macht ihr das Spaß? »So stärken wir die Empathie der Kinder«, beschreibt Jacobi den Nutzen ihrer Arbeit. Auch kleine Kunststückchen finden dabei immer mal ihren Platz. Etwa wenn die Sozialarbeiterinnen mit den Kindern Mehlwürmer auf die Klangstäbe eines Xylophons legen und anschließend die Hühner mit einem beherzten »Puttputtputt« aus dem Gehege locken. Gierig hacken die gefederten Musikerinnen daraufhin die Tonleiter rauf und runter und sorgen mit ihrem tierischen Sound für lachende Kindergesichter. 

Im Moment leben

Die Tiere bringt dabei wenig aus der Ruhe. Und sie übertragen diese auf ihre jungen Besucher*innen. »Unsere Kinder tragen oft ein ganz schön großes Päckchen mit sich herum. Damit umzugehen ist anstrengend und kann Stress und Anspannung verursachen. Die Tiere wirken auf sie regulierend, können helfen, zu innerer Ruhe zu finden«, beobachtet Jacobi und weist auf Studien hin, die ihre Einschätzung wissenschaftlich stützen. Hilfreich sei, dass für Tiere menschliche Kategorien wie »gut« und »schlecht« keine Rolle spielten. »Sie leben ganz im Moment und sind den Kindern gegenüber unvoreingenommen.« Für viele von ihnen sei das eine ganz neue Erfahrung.

Etwas Sorge bereitet der Fachkraft für Tiergestützte Intervention allerdings die finanzielle Situation des Jugendbauernhofs. Insbesondere die steigenden Energiekosten, die sich unter anderem auf die Futterpreise auswirken, sowie die aktualisierte Gebührenordnung für Tierärzte*innen, die notwendige Untersuchungen und Behandlun­gen erheblich verteuert, schlagen heftig zu Buche. Was tun? Das Martin-Luther-Haus versucht, mit Tierpatenschaften gegenzusteuern. Bereits mit relativ kleinen Beträgen pro Jahr können Menschen die Einrichtung des Martin-Luther-Hauses effektiv unterstützen. Für 20 Euro gibt es beispielsweise eine Patenschaft für Meerschweinchen, 50 Euro kostet sie für Enten. Während Katzen-Freunde*innen mit 60 Euro jährlich dabei sind, beziffert sich die Tierpatenschaft für die Ponys auf 200 Euro. 

»Tierpatinnen und -paten können sicher sein, dass sie mit ihrer Spende den Kindern gezielt helfen. Denn die Tiergestützte Intervention ist ein wichtiges Puzzle-Teilchen im Leben der jungen Menschen, auf das sie in schwierigen Situationen immer wieder zurückgreifen können«, verspricht Jacobi und streichelt dabei Esel Max, der seine Scheu einmal mehr überwindet und seinen Kopf neugierig nach vorne streckt.

Text: Alexander Reindl


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