»Alles sinnlos.« Zwei Worte flackern am Bildschirm von Hans-Peter K. auf. Sie bringen den 63-Jährigen zum Grübeln: Wie dringt er schnell zum Kern des Problems vor? Keine einfache Aufgabe, schließlich weiß der ehrenamtliche Mitarbeiter der TelefonSeelsorge wenig über sein Gegenüber im Online-Chat. »Jenny« nennt sich die Hilfesuchende, ist mutmaßlich 17 Jahre alt – überprüft werden können und sollen diese Angaben nicht. Schließlich ist die Möglichkeit zur Anonymität einer der großen Pluspunkte des Angebots.
Am Ende der Leitung wartet ein Mensch

Hans-Peter K.
hat stets ein offenes Ohr für die Nöte der Anrufenden.
Seit Anfang 2026 bietet die TelefonSeelsorge der Stadtmission Nürnberg die »Chatseelsorge« an. Das Prinzip ist einfach: Über die bundesweite Plattform online.telefonseelsorge.de registrieren sich Nutzer*innen mit einer E-Mail-Adresse und entscheiden sich für einen Chat-Termin. Oft dauert es nur wenige Minuten, bis ein solcher frei ist. Über einen Link gelangen sie schließlich in einen gesicherten Chat-Raum, nennen Name, Alter und das Thema, das sie beschäftigt. Dann beginnt die Arbeit für die gut ausgebildeten Seelsorger*innen am anderen Ende der Datenleitung.
»Ich stelle mich erst einmal vor und frage, wie ich helfen kann«, erklärt Hans-Peter K. Seit drei Jahren engagiert er sich neben seinem eigentlichen Beruf bei der TelefonSeelsorge in Nürnberg. Inzwischen greift er nicht nur zum Hörer, sondern haut auch eifrig in die Tasten – wobei: »Sehr ausschweifen kann ich dabei nicht. Wenn jemand nur knapp schreibt, antworte ich auch nicht in Romanlänge.« Auch die eine oder andere Grammatikregel legt er großzügig aus. »Viel wichtiger ist es, im Flow zu bleiben«, ergänzt Sandra van Eldik. Die Sozialpädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie kennt sich aus mit Online-Chats und bildet die Ehrenamtlichen bei der TelefonSeelsorge in diesem Bereich aus. Sie lernen zum Beispiel, menschliche Wärme durch geschriebene Sprache zu transportieren – etwa mit Hilfe von Emojis. »Entscheidend ist, direkt auf die Gefühle der Hilfesuchenden einzugehen und beim Thema zu bleiben«, rät van Eldik.

Wird der neue Chat gut angenommen?
Sozialpädagogin Sandra van Eldik bespricht sich regelmäßig mit den Ehrenamtlichen
In 64 Städten bietet die TelefonSeelsorge inzwischen die »Chatseelsorge« an. Dass nun auch Nürnberg auf der Landkarte erscheint, freut van Eldik: »Mit dem Chat holen wir Menschen ab, die sich nicht anzurufen trauen. Das Angebot ist für sie ein kleiner erster Schritt, sich Hilfe zu holen. Gerade bei schambesetzten Themen fällt das Tippen leichter als das Sprechen.« Die Zielgruppe sei jünger als beim klassischen Zuhören übers Telefon, was auch mit veränderter Mediennutzung zusammenhänge. »In meinem Chat-Raum landen Nutzerinnen und Nutzer, die etwa zwischen 13 und 50 Jahre alt sind«, berichtet Hans-Peter K. Mit Problemen, die es in sich haben: »Suizidalität ist im Chat häufiger Thema als am Telefon. Oft liegen multiple Herausforderungen in Beruf und Beziehung zugrunde. Hinzu kommen psychosomatische Krankheiten und generell das Gefühl, einsam zu sein.«
Laut van Eldik wird die »Chatseelsorge« bundesweit gut angenommen. 2024 suchten insgesamt 16.500 Menschen Hilfe auf diesem Weg. Knapp 40.000 Chats belebten die Datenleitungen, das waren zwischen 80 und 150 pro Tag – Tendenz steigend. Für die Sozialpädagogin ein weiteres Indiz dafür, dass es jungen Menschen insbesondere seit der Covid-Krise schlecht gehe: »Die drei häufigsten Themen, mit denen wir konfrontiert werden, sind Krisen, Depressionen und Ängste.«
Birgit Dier, Einrichtungsleiterin der TelefonSeelsorge in Nürnberg, versteht den Chat als Angebot »on top«, mit dem man gerade Jugendliche gut erreichen könne. Auswirkungen auf die Anzahl der Telefonanrufe habe er nicht: »Wir führen nach wie vor rund 40 Telefongespräche im Großraum Nürnberg am Tag.« Dabei kann sich die Pfarrerin auf ihr Team aus mehr als 70 Ehrenamtlichen verlassen. »Unsere dienstältesten Mitarbeiterinnen sind seit über 40 Jahren für die TelefonSeelsorge aktiv, eine von ihnen sogar schon seit 50 Jahren«, erzählt Dier begeistert und würdigt den Einsatz der Seelsorger*innen: »Es ist schlicht unglaublich, dass sie so viel Zeit, Energie und Liebe in diese Aufgabe investieren. Unsere Ehrenamtlichen sind unser größter Schatz.«
Für Hans-Peter K. ist die Arbeit bei der TelefonSeelsorge eine Möglichkeit, »die Welt ein bisschen besser zu machen«. »Ich bin sehr dankbar für das, was das Leben mir geschenkt hat. Und ich möchte ein bisschen davon an andere Menschen abgeben«, nennt er einen Grund für seinen Einsatz. Gerne auch via Chat. Dabei ist laut van Eldik auch in Zeiten der Digitalisierung entscheidend, dass am anderen Ende der Leitung stets ein Mensch auf die Hilfesuchenden wartet und keine Künstliche Intelligenz.
Text: Alexander Reindl



