»GROSSE FREUDE AN ALLEM«

Die Stadtmission Nürnberg hat Großes vor: Nicht nur die Diakonie Fürth will sich unserem Verbund anschließen, auch die Diakonie in Mögeldorf wird 2027 Teil davon. Warum das eine zukunftsweisende Entscheidung ist, verraten Kai Stähler, Vorstandsvorsitzender, und Vorständin Gertrud M. Barth, im Interview.

Nürnberg und Fürth – das geht allen Unkenrufen zum Trotz offensichtlich doch zusammen. Wer hat hier eigentlich wem den Antrag gemacht?

Stähler: Zum Glück musste niemand auf die Knie gehen (lacht), auch wenn es letztlich die Diakonie Fürth war, die den ersten Schritt auf uns zugegangen sind. Wir kennen uns auf Vorstandsebene seit Jahren und schätzen uns. Deshalb stand irgendwann die Frage im Raum: Wie können wir die Diakonie Fürth unterstützen? Und warum machen wir vieles parallel, wenn wir das gemeinsam noch besser schaffen können? Es war also weniger ein einseitiger Antrag als ein gegen­seitiges Ja.

Barth: Pfarrkreise und Dekanate werden zusammengelegt, diakonische Träger tun sich zusammen – gemeinsam ist man stärker und stabiler. Wir stehen alle vor denselben Herausforderungen: Fachkräfte-Akquise, Bürokratie-­Abbau, digitale Transformation, neue Arbeitsmodelle. Wir würden alle viel Geld in dieselben Themen investieren – da ist es doch schlauer, das gemeinsam zu tun.

Wie können Mitarbeitende und Klienten*innen von einem großen Verbund profitieren?

Barth: Es wird ein wenig dauern, bis die Vorteile für alle spürbar sind. Aber uns ist es wichtig, eine gemeinsame Kultur zu entwickeln. Wir wollen bei diesem Prozess alle mitnehmen und niemanden verlieren.

Stähler: Wir wünschen uns, dass unsere Mitarbeitenden die Vorteile eines starken Verbunds erleben: mehr Möglichkeiten zur Entwicklung und Weiterbildung, mehr Zusammenarbeit in einer Organisation, die Zukunft aktiv gestaltet. Unsere Unsere Klientinnen und Klienten wiederum dürfen auf verlässliche und qualitativ hochwertige Unterstützung vertrauen. Durch unsere gemeinsame wirtschaftliche Stärke können wir Angebote aufrechterhalten, die nicht vollständig refinanziert, aber für viele Menschen unverzichtbar sind.

Auch die Mögeldorfer Diakonie hat sich mit der Stadtmission eine starke Partnerin an die Seite geholt.

Barth: Die Diakonie Nürnberg-­Mögeldorf stand in den vergangenen Jahren vor sehr großen Herausforderungen. Hier geht es wirklich um den Erhalt der diakonischen Arbeit. Die Diakonie Mögeldorf hat sehr spannende Angebote, die gut zu unseren Angeboten passen.

Unser Verbund wird nicht nur größer, sondern wandelt sich gerade auf allen Ebenen. Gab es zwischendurch Momente, in denen Sie gedacht haben: Ein bisschen Ruhe wäre jetzt auch nicht schlecht?

Stähler: Natürlich gibt es diese Momente. Schließlich befindet sich die Stadtmission seit zwei Jahren in einem umfassenden Transforma­tionsprozess. Veränderungen bringen Chancen mit sich, verlangen aber auch Kraft und Ausdauer von allen Mitarbeitenden.

Barth: Zum Glück haben wir eine tolle Mannschaft hinter uns, die das mitträgt.

Stähler: Und wir haben mit ­Tobias Gick, Besonderer Vertreter des Vorstands, eine ganz wichtige Entlastung bekommen. Wir freuen uns sehr, dass er bei uns ist.

Sie haben gemeinsam Vieles angestoßen: Auf welche Meilensteine sind Sie besonders stolz?

Barth: Die Kultur ist uns sehr wichtig. Da wandelt sich etwas.

Stähler: Wir sind stolz darauf, dass wir viele Veränderungen nicht nur diskutiert, sondern auch gemeinsam auf den Weg gebracht haben: eine Strategie, wichtige Fortschritte bei der Digitalisierung, die Stabilisierung der wirtschaftlichen Situation und natürlich die Vorbereitung der Zusammenschlüsse. Am meisten freut uns jedoch, wie viele Mitarbeitende diesen Weg aktiv mitgestalten und Lust auf Veränderung haben. 

Stichwort Digitalisierung. Wann ­haben Sie zuletzt ein Fax gesehen?

Barth: Was ist das? (lacht)

Stähler: Das Fax hat in sozialen Organisationen eine erstaunliche Überlebensfähigkeit bewiesen. Aber ich glaube, selbst die treuEsten Faxgeräte ahnen inzwischen, dass ihrE besten Jahre hinter ihnen liegen (lacht). Aber ganz im Ernst: Bei der Digitalisierung sind wir deutlich weiter, aber noch nicht am Ziel. Digitalisierung bedeutet für uns nicht einfach eine neue Software. Es geht darum, Prozesse einfacher zu machen, Informationen besser verfügbar zu halten und Mitarbeitende zu entlasten.

Viele Mitarbeitende nutzen KI. Wo wird der Verbund bei KI mutig sein – und wo bewusst vorsichtig bleiben?

Barth: KI wird unsere Arbeit in den nächsten fünf Jahren neu definieren.

Stähler: Wir wollen weiterhin dort mutig sein, wo KI Mitarbeitende sinnvoll unterstützt und Freiräume schafft – beispielsweise bei Dokumentation, Recherche oder ad­ministrativen Aufgaben. Wenn dadurch mehr Zeit für persönliche Begegnungen entsteht, ist das ein echter Gewinn. Technologie soll Menschen unterstützen, nicht ersetzen. Gerade in der Diakonie bleibt der Mensch immer im Mittelpunkt.

2026 wurde eine Unternehmens­strategie verabschiedet, die ­»Hilfe im Leben« und wirtschaftlich nachhaltiges Handeln vereint. Das ist kein Widerspruch, oder?

Stähler: Unser diakonischer Auftrag und wirtschaftliche Verantwortung gehören untrennbar zusammen. Nachhaltige Hilfe braucht nachhaltige Strukturen. Gerade in herausfordernden Zeiten sehen wir, wie viele Träger unter finanziellem Druck stehen. Unser Ziel ist es, vorausschauend zu handeln, damit wir auch künftig verlässlich für die Menschen da sein können. 

Dabei kam es 2026 auch zu schmerz­haften Entscheidungen: Die Jugend-Reha, eine Einrichtung für psychisch kranke junge Menschen, musste schließen.

Stähler: Ja, das ist uns nicht leichtgefallen. Verantwortung bedeutet manchmal aber auch, sich schwierigen Realitäten zu stellen und Entscheidungen zu treffen, die schmerzen. Uns war es wichtig, transparent und respektvoll mit allen Beteiligten umzugehen. Wir konnten den meisten Mitarbeitenden eine Perspektive bieten.

Die Politik bereitet große Einschnitte in den Sozialstaat vor. Was heißt das für Diakonie?

Barth: Wir müssen sehr verantwortlich mit den Geldern umgehen, die uns zur Verfügung gestellt werden. Was wir nicht können: Angebote aufrechterhalten, bei denen sich die politische Hand aus der Verantwortung stiehlt.

Stähler: Wir versuchen ­natürlich, unsere Stimme zu erheben und deutlich zu machen, welche Folgen Einsparungen für die Menschen haben, die auf Unterstützung angewiesen sind. Das andere ist: Wir arbeiten seit zwei Jahren intensiv daran, die Stadtmission widerstandsfähiger zu machen und zukunftsfähig aufzustellen. Unser Ziel ist es, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und darauf vorbereitet zu sein, statt nur auf Veränderungen reagieren zu können.

Was wünschen Sie sich für das nächste Jahr?

Barth: Ich wünsche mir einfach, dass es so weitergeht, weil ich große Freude an allem habe.

Stähler: Das geht mir genauso. Herausforderungen motivieren mich. Es freut mich sehr und ich bin dankbar, dass viele Mitarbeitende die Veränderung offen annehmen und mitgestalten möchten.

Interview: Sabine Stoll

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