»Vor unseren Gebrauchtwarenläden bilden sich Schlangen«

Mehr Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit. Mehr Menschen in Schulden. Mehr Menschen ohne Obdach. Das ist die Bilanz nach 1 ½ Jahren Pandemie in Nürnberg. Die Stadtmission Nürnberg versucht menschliche Not und akuten Mangel zu lindern. Dafür ist sie auf die finanzielle Unterstützung privater Spender*innen angewiesen. Die Sammelaktion »Erste Hilfe gegen Armut« ist angelaufen.

NÜRNBERG.    »Seitdem wir unsere Läden wieder öffnen können, kommen unsere Kunden zum Teil eine Stunde vor Verkaufsstart und stellen sich an.« Der Druck auf die Ladenfilialen steige, erzählt Petra Homburg, Leiterin der allerhand-Gebrauchtwarenläden der Stadtmission. »Der ständige Verzicht ist für viele unserer Kunden Alltag. Ein Adventskranz, passende Winterstiefel für die Kinder, ein Päckchen Kaffee – das alles ist nie selbstverständlich.«

Die meisten Menschen, die kommen, seien »Stammkunden«. Rund 80 Einkäufer*innen pro Öffnungstag könne man unter den geltenden Hygienebedingungen derzeit einlassen. Der Bedarf hingegen sei viel, viel höher, so Homburg.

Das lassen auch statistische Zahlen vermuten. Galten 2019 noch etwa 3 500 Menschen als langzeitarbeitslos, sind es Ende 2021 schon 5 500. In den Wohnungslosenpensionen steigen die Belegungszahlen, Sozialarbeiter*innen aus der trägerübergreifenden Wohnungslosenhilfe gehen davon aus, dass inzwischen 250 Menschen in Nürnberg jenseits von Notunterkünften und -Pensionen »Platte machen«. 2019 lag ihre Zahl noch bei etwa 80. Und das sind nur die extremsten Beispiele. Jene Menschen, die in versteckter Armut leben, sich und ihre Familien mit prekären Einkommen und Knochenjobs über Wasser halten, sind da noch nicht berücksichtigt. Schon 2019 galten 23% der Nürnberger*innen als arm oder armutsgefährdet.

»Ohne allerhand gäb’s mich vielleicht nicht mehr«

Auch Martina Celik*, 51, lebt seit Langem in solch schwierigen Verhältnissen. »Nach der Trennung saß ich mit vier Kindern alleine da. Ich war jahrelang nicht mehr im Beruf. In so einer Situation findet man nicht einfach einen Job.« Nachdem auch ihr Vermieter kündigte, blieb der Mittvierzigerin schließlich nur noch eine städtische Notwohnung für wohnungslose Familien. »Wir waren zu dritt auf 30 m2. Es war furchtbar eng.« Zu dieser Zeit hatte Celik bereits eine berufliche Fördermaßnahme bei den allerhand-Läden begonnen. »Hätte ich in dieser Zeit dort nicht arbeiten können, ich glaube, ich wäre nicht mehr«, sagt sie rückblickend. Die regelmäßige Beschäftigung, die kontinuierliche Unterstützung der Sozialpädagogen*innen – das alles habe ihr Mut gemacht und Antrieb gegeben. Heute arbeitet sie bei allerhand in einer regulären, geförderten Anstellung. Sogar eine Wohnung hat Martina Celik inzwischen über die Stadtmission gefunden.

Akute Not lindern und Hilfe zu Selbsthilfe geben – nicht nur bei allerhand verfolgen Mitarbeitende der Stadtmission immer dieses Doppelprinzip. »Armut macht krank und einsam«, betont Petra Homburg. Eine Wohnung, eine Aufgabe, ausreichend Geld für die notwendigen Dinge des Lebens, das bräuchten Menschen nicht nur um zu überleben, sondern, um sich in der sogenannten Leistungsgesellschaft nicht verstecken zu müssen. Vorstandssprecher Matthias Ewelt: »Es ist eine menschliche Katastrophe, dass die Armut von Menschen – oftmals auch nur unbewusst – zu einem gewissen Maß auch noch als ein Selbstverschulden missverstanden wird. Die Kraft, die sie für das Management ständig prekärer Lebenssituationen brauchen, dagegen zählt nichts.« Umso wichtiger sei es, dass wenigstens Unterstützung für sie bedingungslos und einfach zugänglich sei.

Hilfeleisten für Freie Wohlfahrt kein »Selbstläufer«

»Andererseits ist das Hilfeleisten auch kein Selbstläufer, vor allem unter Coronabedingungen«, so Ewelt. Noch nie konnten die armutsbezogenen Einrichtungen der Stadtmission kostendeckend arbeiten. Die Pandemie habe das Loch mitunter existenzbedrohlich gemacht. Im Fall von allerhand fehlten nach den pandemiebedingten Ladenschließungen schon im ersten Halbjahr 2021 knapp 60 000 EUR. »Eigentlich ist es unser Ziel, die Hilfe in diesem Bereich auszubauen, denn der Bedarf steigt. Möglich ist das nur, wenn viele Spender*innen uns dabei unterstützen.«  Solange das Armutsproblem in unserer Stadtgesellschaft größer und nicht kleiner werde, sei man für jeden Beitrag dankbar.

Spendenkonto der Stadtmission Nürnberg:
IBAN: DE71 5206 0410 1002 5075 01
BIC: GENODEF1EK1
Evangelische Bank eG
Stichwort: Armut

 

*Name geändert

Weitere Infos zum aktuellen Spendenaufruf "Erste Hilfe gegen Armut" finden Sie hier.

     

     

    Hilfe im Leben – Stadtmission Nürnberg